Ein möglichst kurzer Kommentar zu den G20-Protesten

Neben all den wen auch immer und wie auch immer beeindruckenden Bildern des G20-Protests gibt es die Aufnahmen von Polizisten – vielmehr Soldaten – mit Sturmgewehren im Anschlag. In der allgemeinen Nachbetrachtung erfahren diese Kulissen, die auf Bürgerkrieg verweisen, erstaunlich wenig Resonanz. Doch diese Bilder sind es, die das Interesse wecken sollten. Denn, bei allem, was diskutiert werden muss und kann und welche Anklage auch in welche Richtung geäußert werden sollte – es gibt eine erhebliche Entwicklung der Militarisierung des Polizeiapparates, wenn Demonstranten Polizisten mit gezogenen  –  nicht mal mehr geschulterten  –  Schusswaffen gegenüberstehen. Die Polizei hat ganz andere Mittel, Riots zu bekämpfen. Diese Geste muss also exakt als jene Kriegserklärung verstanden werden, als die sie gemeint ist.
Diese direkte Bedrohung des Lebens ist das sinnstiftende Bild des Übergangs in eine Autokratie. Es ist die Zusammenfassung der Einreiseverbote, Hausbesuche, eklatanten Angriffe auf die Presse- und Versammlungsfreiheit, der Hochrüstung der Repressionstechniken, der zielgerichteten Veränderung der Sprache über Organe, Funktionen, Akteure und Strukturen in einer Demokratie, der öffentlichen Aufrufe zur Denunziation, usw. usf. – des Umbaus der Idee irgendeiner Freiheit. Atemberaubend endgültig steht die Letalität des Gewehrs dem anvisierten Leben gegenüber. Entsprechend endgültig wirkt die Kraft dieser Symbolik auf die gesamte Konstitution der Gesellschaft, ob sie die Bedeutung des Bildes bemerkt oder nicht. Das Gewehr als Versprechen – das Bild wurde bewusst in die Welt gesetzt und es ist vollkommen ausreichend, als Bild. Es funktioniert als Ankündigung. Es beinhaltet einen Ausblick auf die Möglichkeit maximaler Eskalation. Wer seine Augen vor dieser Symbolik verschließt, stellt den Rechtsstaat als Errungenschaft absolut zur Disposition. Das ist vermutlich die brisanteste Erfahrung aus den G20-Protesten. Das Ausbleiben des Entsetzens lässt Böses ahnen.

„Die Schraube“ in Hamburg

Hans Knirsch begibt sich in ‚Die Schraube‘ auf Deutschlandreise, in Hamburg macht er nicht halt. Mal sehen, wie das ankommt …

11.05.2017, 19 Uhr
Instituto Cervantes Hamburg

Chilehaus, Eingang B
Fischertwiete 1
20095 Hamburg
Tel: +49-40-530 205 29-0

Illustration: Felix Pestemer

10 NOV 2016, BERLIN/GERMANY:
Buchvorstellungen „Die Schraube“ von Robin Jahnke, und „Potslom“, Praesentation des Álamos-Verlags der Santacruz International Communication, Akademie der Kuenste
Foto: Marco Urban

Die Schraube – erschienen im Álamos Verlag

Es sind unerklärliche Zwischenfälle und heikle Angelegenheiten: Was hat eine Schraube in der Nase von Hans Knirsch zu suchen? Wie soll Dorothea Schlüter im Angesicht brennender Stachelschweine ihren Weg finden? Und was passiert mit der strengen Helena, als sie im Badeanzug im Schnee sitzend, das tote Rehkitz streichelt? Die skurrilen Begegnungen und absurden Situationen, in denen die Protagonisten auf ihrem jeweiligen Road-Trip einer Welt begegnen, die realer nicht sein kann, entwerfen ein Bild zeitgenössischer Befindlichkeiten und Umklammerungen. Als sie sich begegnen, ist ihr Scheitern so intim wie kläglich. Doch es entsteht die Ahnung einer Möglichkeit sich zu lösen, wenn man Stereotype und die Umständlichkeit der Umstände in Frage stellt – und an sie glaubt.

von Robin Jahnke (Autor), Dr. Lino Santacruz (Herausgeber), Felix Pestemer (Illustrator)
Verlag: Álamos Verlag, 148 Seiten, ISBN-13: 978-3000504808
Fotos: Andreas Süß

Der Roman „Die Schraube“ entstand anlässlich des Dualen Mexiko-Deutschland-Jahres 2016 – 2017 und ist ebenfalls in spanischer Fassung sowie als Hörbuch, gelesen von Christian Gaul, erhältlich.

Die Schraube, El Tornillo, Buch, CD, álamos, Verlag, Santacruz International

 

Die Schraube, El Tornillo, Buch, CD, álamos, Verlag, Santacruz International

roke3

Habe seit einiger Zeit die Theorie, dass Büsche runtergerutschte Bäume sind.

Vielleicht hat ja jemand mal so etwas beobachtet?

busch

Extrabelästigung

Der Flyer in der Fußgängerzone, die hinterlegten Programme auf dem neuen Computer und die kostenlose App, der Luftballon am Parteistand, Punkte an der Kasse, all die aus der Zeitung fallenden Prospekte, sämtliche Kalender und Kugelschreiber – es sind Dinge, die niemand braucht, niemand will, über die sich niemand freut. Denn längst ist das jeweilige Versprechen als lügnerisch durchschaut, der verkappte Sinn bekannt, der Nutzen immer ausgeblieben. Wir Leben in einer Welt, in der man ungefragt meist das bekommt, was einen sowieso schon bedrängt und in weitere Bedrängnis bringen will. Ob Werbung funktioniert sei dahingestellt, aber ein Mitteilungsbedürfnis, welches seine Absichten mehr oder weniger verdecken will, ist immer infam, man kann es nur ablehnen, es belästigt.

Dieser belästigende Charakter ist auch das augenfälligste Zeichen des „Extrablatt für die Wahl zum Abgeordnetenhaus“, welches kostenlos, ungefragt und wahllos in zahlreiche Briefkästen der Stadt gesteckt wurde. So auch in meinen. Dass es sich bei dieser Zeitung um keine solche handelt, allein dieser Umstand ruft nur Abscheu hervor. Die erste Frage, die sich stellt: Wer will mich hier schon wieder verarschen? Es ist der unglückliche „Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten“. Der faschistoide Inhalt der Schrift ist weder interessant noch unbekannt und bekanntermaßen frei erfunden. Dass ein „Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit“ über zehn schmutzige Seiten den Mangel an Rechtsstaatlichkeit beklagt, also vermisst was er erhalten will und somit nicht erfüllen kann, wofür er gegründet, wenn denn stimmte was er postuliert, entbehrt nicht einer gewissen Komik.

Allein der Auftritt des Blattes und das halbwegs klandestine Impressum karikieren Wut und Pathos der Artikel. Die Verfasser bemerken die damit ausgedrückte Geringschätzung ihrer Adressaten nicht. Und wenn auch bestimmt so einige Adressaten diese Geringschätzung ebenfalls nicht bemerken – dass man es mit einer Belästigung zu tun hat, ist so deutlich wie die Sprache der hier klierenden Populisten. Es ist letztlich egal, wer das geschrieben hat und wer es finanziert. Das sind Menschen, die niemand braucht, niemand will, über die sich niemand freut. Es ist auch egal, was da alles in dem Extrablatt steht, es ist lächerlich. Man muss sich aber zu der Belästigung verhalten, nicht zum Inhalt. Diese ist wirklich unangenehm. Ich wollte nicht durch ein Flugblatt in meinem Briefkasten daran erinnert werden, dass diese Zeitgenossen ihre primitiven Ressentiments zur Wahrheit erheben wollen. Ich wollte an diese Zeitgenossen gar nicht erinnert werden.

hello

 

rinaja&roke prod.

noborder

Terror >2000

Jutta Ditfurths Kritik am Münchner Polizeieinsatz (und den Reaktionen darauf) basiert auf einer Einschätzung von Staat, Polizei und Freiheit, die heutzutage scheinbar recht anachronostisch ist. Die empörten Kritiker ihrer Kritik können ihre Argumente nicht im Entferntesten nachvollziehen. Denn sie haben so vieles vergessen oder nie gewusst oder nicht wissen wollen? Sie wollen hinnehmen und ausblenden, weil ihnen gesagt wurde, es wäre doch nur zu ihrem besten. Zusammenhänge? Roboter mit Senf.

Aber selbstverständlich war die quasi-militärische Reaktion des Staates auf einen einzelnen Amokläufer nicht verhältnismäßig. Über 2000 – zweitausend – 2K – Polizisten. In der Konsequenz egal, aber vielleicht interessant wäre schon, was der Polizist sich eigentlich dabei denkt. Etwa: Was mach ich hier eigentlich? Oder: So.

So, wie die Journalisten, die etliche Stunden das gleiche Nichts berichteten und die eigene Einsicht in die Schwachsinnigkeit der Veranstaltung zunehmend schlechter verbergen konnten. Denn absurd war die Flankierung durch die Medien – über Stunden wurde im Fernsehen übertragen, dass man nichts wisse und nur spekulieren könne. (Später beichtet auf Vice ein Journalist seine eigene Beklemmung in der Sache, anstatt sich stillschweigend zu überlegen, ob er sich eventuell den falschen Beruf ausgesucht hat.) Und naiv ist der Glaube, es wäre doch nur um die Verhinderung möglicher weiterer Opfer gegangen. Natürlich geht es immer darum. Und gleichzeitig geht es doch in stärkerem Maß um einen Wahn, eine Entmündigung, eine Struktur der Verunsicherung, eine autoritäre Geste der Einschüchterung. Um noch viel mehr. Auch (zum Beispiel) um die virulente Abnahme der Opfer von Terror in Europa seit den 70er Jahren und der eklatanten Zunahme an Panik (und -mache). Um Frankreichs Ausnahmezustand. Oder um 500 Polizisten, die ein Haus stürmen, weil Stunden vorher ein mutmaßlicher Schläger dort angeblich drin verschwunden ist. Das sind Ermöglichungen und Übergriffe auf Verhältnismäßigkeiten auf der einen Seite und deren Akzeptanz auf der anderen. Sich denen anzuvertrauen, die behaupten den Hut auf zu haben, selbst, wenn es offensichtlich eine Mütze ist, bedeutet: Statt sich der, die Vernunft zu unterwerfen. Mit dem Amoklauf, mit den Opfern, mit Bemühung um Sicherheit hat das weniger zu tun als mit der Einführung von Lebensmittelampeln.