Alles auf Anfang – Das SO36 in den 1990er Jahren

*** english version below ***

Das SO36 in Berlin Kreuzberg ist seit „40 Jahren ein magischer Ort für krasse Musik, linksradikale Politik, wilde Exzesse und heftige Flashs.“ So steht es auf dem Rücken der zentnerschweren Chronik „SO36 – 1978 bis
heute“, die wir im März 2016 im Ventil-Verlag herausgegeben haben.

 

 

Aus dem Buch:

Alles auf Anfang – Das SO36 in den 1990er Jahren

von Robin Jahnke

 

 

Anfang 90er

Der Eindruck, in den 90ern hätte im SO36 immer nur Agnostik Front gespielt, trügt. Doch anfangs ist soviel wirklich nicht los. Der beschrittene Weg in die Professionalisierung (und Profanierung) ist mühsam und ätzend, aber gekrönt vom Erfolg. Was das SO36 in dieser Phase auf Beine und Bühne stellt, ist beachtlich. Die Konstante des umkämpften Raumes – ob von innen oder außen – zieht sich auch durch dieses Jahrzehnt. Immer wieder findet sich eine Gruppe von Leuten, die den Ort nutzen will und zwischen Repression, Gewalt, Drogen und Konsumscheiße-Vorwürfen (die die Kunstscheiße-Vorwürfe immer ergänzten, dann ablösen) aufgerieben wird. Personelle Kontinuitäten sind unter diesen Umständen kaum aufrecht zu erhalten. Die Gruppe, die Ende 1990 als „Sub Opus e.V.“ das fingermordende Scherengitter (Caroline) der alten Halle und any betriebswirtschaftliche Bedenken wieder beiseite schiebt, will Kultur für alle schaffen. So sieht dann auch das Programm aus: ambitioniert, aber sperrig. Es gibt Konzerte, Theater, Fotoausstellung, Bildhauerei – jede Veranstaltung muss auf dem Plenum durchgekaut werden.

Die interessanten Sachen spielen sich indessen zunehmend in den Ostbezirken ab. Dort ist gerade ein System zusammengebrochen und das andere muss sich erst noch um die fundamentalen Fragen der Annexion kümmern. Überall leerstehende Gebäude, keine Bullen = Techno-Parties im Schutt. Noch macht sich das im SO36 nicht wirklich bemerkbar, es wird eine Weile dauern, bis die zuckende Masse den Vorreitern in den Ostteil folgt, zudem gibt es einen kleinen Rückstrom an Ostpunks, die schon immer mal in diesen legendären Club gehen wollten – das SO36 als Kultur-Banane. Doch der Umzug der Szene findet statt, Techno wird Punk und die Clubs dieser Zeit sind ständige Vertretung, Ufo, Eimer, Bunker, Tresor, Walfisch. Dass die Betreibergruppe – so das Versprechen in der interim 1990 – aus dem SO36 „keine Goldgrube“ machen will, mutet retrospektiv erstaunlich an. Kreuzberg ist eigentlich schon wieder abgemeldet, Mauerblümchen, auch ohne Mauer. Und nicht selten empfinden die zurückgebliebenen Kreuzberger1 die Alternative gar als Verrat. Dennoch erhalten die frühen Vereinsgründer nicht nur die Halle als Ort, sondern erkämpfen jenen nötigen Raum der Subkultur und Behauptung. So wird aus Renitenz Relevanz, zunächst im Kampf gegen Faschisten.

Bereits seit Mitte der 80er nehmen die Angriffe von Nazis deutlich zu. Nach dem Fall der Mauer breitet sich landesweit eine dumpfe, nationalistische Stimmung aus, die mit der bald daran anknüpfenden Asyldebatte als Steigbügel in eine breite Allianz aus Nazis, Staat und „bürgerlichen“ Rassisten münden wird. Was in diesen ersten Jahren der 90er stattfindet, ist für Viele ein permanenter Schlag in die Fresse: Räumung der Mainzer, Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Silvio Meier, usw., usf. Bei zahlreichen Antifas, die anfangs noch ihren Gefallen an sportlichen Ausflügen aufs Land finden, stellt sich nach und nach enorme Frustration ein. In Hoyerswerda kriegt sich die etwas übereifrige Antifasist Gençlik2, die bereits im November 1990 an einer Antifa-Woche im SO36 beteiligt war, mit deutschen Antifas in die Haare. Ein Jahr später wird ein von Gençlik initiiertes Mackertreffen im SO36 mit Gangs mit albernen Namen3 zum Desaster. Als schließlich die Polizei nach Kaindl die Szene aufmischt, hat die Berliner Antifa überhaupt große Mühe, wieder auf die Beine zu kommen, bzw. konzentriert sich vermehrt auf die Arbeit in der AA/BO. Allgemein aber spielt das SO36 gerade in diesen frühen Jahren für die Organisation der antifaschistischen Notwehr immer eine wichtige Rolle: Neben direkten antifaschistischen Aktivitäten machen Bands wie Agnostic Front, Sick of it all und Slapshot hier (und in der TU Mensa) Kasse, um anschließend in kleinen Nazikäffern der näheren Umgebung Konzerte zu spielen und die dortige Szene zu unterstützen.

Man kann annehmen, dass die Strukturen, die sich in den nächsten Jahren – neben und entlang der Impulse aus der schwullesbischen Szene – veranstalterisch im SO36 etablieren, nicht zuletzt auch auf die Erfahrungen der antifaschistischen Aktion aus dieser Zeit zurückzuführen sind: Auf dem Hintergrund rechtsextremer Pogrome und Morde und einem gleichgültigen Staat wird die Sache existenziell, (Sub)Kultur schwankt zwischen Gegenentwurf und Bastion, die Nische reagiert auf ihre Bedrohung. Im SO36 klingen hedonistische Momente ab, effektivere Strukturen werden aufgebaut, langsam verschieben sich die Parameter von der Selbstverwirklichung zur Selbstbehauptung, welche nicht zuletzt zur Selbstausbeutung4 wird.

Myriam: „Man hat sich damals komplett selbst ausgebeutet. Ich war Vorstand, hab den Tresen angemeldet, das Booking gemacht, die Handtücher zum Waschen mit nach Hause genommen, war Tagesleitung von der Show, hab auf dem Hinweg plakatiert und auf dem Rückweg mit dem Fahrrad die Karten eingesammelt.“

Es sind vor allem zwei Sparten, deren Akteure den halbtoten Club in dieser Zeit unter ihre Fittiche nehmen: Insbesondere Heike und Myriam aus dem Ex fangen an, zusammen mit Marc, der schon Anfang der 80er als Teenie an der SO-Tür stand und Ende der 80er MAD gründete, die (Hardcore5-)Konzerte als Standbein zu etablieren. Gleichzeitig installiert der Teil der schwullesbischen Szene, der kein Bock mehr auf SchwuZ (oder nur SchwuZ) hat und dem die verkrusteten Strukturen des eigenen Millieus auf die Nerven geht, die (bald sagenhaft erfolgreichen, vor allem aber die Miete einspielenden) Queer-Parties im SO36. Trotz anfänglicher Skepsis der alten SO36-Crew ist schnell klar, dass Stühle geräumt werden müssen.

So wie die Konzerte und die Queers, sind auch Lesben und Schwule fraktioniert. Im Cafe Anal6 gibt es bereits frühe Einsichten, dass dieser Zustand geändert werden sollte, doch erst im SO36 gelingt es, die Abteilungen zusammen zu bringen. Somit schaffen es die Lesben und Schwulen innerhalb kürzester Zeit nicht nur, das mittlerweile recht seltsam gewordene Programm des blanken Ladens wieder mit Ideen zu füllen, sondern eignen sich gleichsam den für ihre Anliegen wichtigen Raum an, um sich zu formieren. Denn Anfang der 90er ist das homophobe Patriarchat bestens gelaunt, Transvestiten sind perverse Serienkiller mit Neigung zu Schmetterlingen, Lesben morden sliplos und kaltblütig mit Eispickel und die perfide Stigmatisierung von Aidskranken als Opfer der „Schwulenseuche“ nimmt erst so richtig Fahrt auf. Was die schwullesbische Szene im SO36 dem – fernab der direkten politischen Veranstaltung – an Opulenz im Folgenden entgegenzusetzen hat, ist bemerkenswert. Die späteren Partyreihen sind immer schillernd und radikal.

Nichtsdestotrotz wird das SO36 noch bis Mitte der 90er am Boden sein. Obwohl es ab 1993 eine deutliche Zunahme an Konzerten (Agnostic Front), Parties (Kiezdisco) und auch Kino (Falsches Spiel mit Roger Rabbit) gibt, greifen die ersten Professionalisierungstendenzen nicht. Die Miete hat sich vervierfacht, die Gema nervt, die Auflagen nehmen zu, das Geld versickert. 1995 verabschiedet sich das alte Kollektiv, der Mietvertrag läuft aus, ein Räumungsaufforderung schneit herein.

 

Mitte 90er

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star xy rastet auf z aus.

Jeder, ob nun Fan des Fussballs oder nicht, wird sich vorstellen können, dass es äußerst ärgerlich ist, wenn ein Schiedsrichter auf Tor entscheidet, obwohl es keins war, sondern nur so aussah als wäre der Ball im Netz gewesen. Ob das aber zu der Schlagzeile reicht: „Phantom-Tor schockt die USA!“?

Ich bin da skeptisch. Es wirkt übertrieben. Es ist sogar ärgerlich. Ich bin sehr genervt.

Und neulich? Er erklärte mir (im Fernsehen), der Anstieg von 87 Wasauchimmer (irgendwelche Vorfälle) auf, sage und schreibe, 126 innerhalb eines Jahres sei „eine Explosion“. Er erläuterte nicht, was für eine Art Explosion das sei, die ein ganzes Jahr dauert, um sich nicht einmal zu verdoppeln. Oder – wie ich wohl besser schriebe – nicht IM ENTFERNTESTEN zu verdoppeln. Er sagte es halt. Wie ICH sagte, ich bin sehr genervt.

Op de Beeck

Geschichten-Bacon. Selten hat mich eine Ausstellung so beeindruckt, wie die von Hans op de Beeck im Wolfsburger Kunstmuseum. Man gerät in eine herzlich düstere Welt, ebenso verstörend wie schön. Er deutet diese Geschichten an, die er nicht wirklich erzählt. Oder er erzählt eine Andeutung, die nicht wirklich eine Geschichte ist. Oder ich hab das Ende nicht mitgekriegt, den Plot verloren – aber genau das ist ja das Wunderbare: Verfolgt von der Frage, was da passiert, kehre ich gedanklich ständig zurück zu seinen Installationen, untersuche meine Erinnerung an die von ihm entworfenen Szenerien auf Hinweise oder nicht oder: An dieser menschenleeren, dunklen, verschneiten Kreuzung, an der die Ampel sinnlos und pflichtbewusst ihre Phasen schaltet, würde ich gerne stehen und jemanden treffen, den ich schon von weitem daherschlendern sehe, den ich dann endlich fragen kann, was da erzählt wird und wahrscheinlich wird er oder sie sagen: „Nüscht. Wieso?“.
Da kommt einem der Verdacht, dass einen das auch gar nichts angeht. Das ist vollkommen in Ordnung. So großartig, als bildgeiler Betrachter in der Stille zu stehen. Ich werde bestimmt Jahre brauchen, um mich davon zu erholen.

Gespräch mit einem Freund über ein Essay über Gott

Wir spazierten den ganzen Tag durch Hamburg. Es war ein fantastischer Ausflug, die Sonne schien, der Wind wehte, ohne Ziel ließen wir uns treiben und sprachen über dieses und jenes, über Gott und die Welt und schließlich über Gott und die Welt. Denn ich berichtete meinem Bekannten, dass ich vor Kurzem ein Essay über Gott angefangen hatte, in dem ich jedoch zu keinem rechten Schluss gekommen war. Wenn man so lange so eng befreundet ist, kann man jederzeit aneinander anknüpfen. Man braucht keine Umschweife und auch darum waren unsere beiläufigen Gespräche nur im spazierenden Sinne beiläufig. Natürlich brauchten wir uns nicht darüber verständigen, dass wir von den naiven Vorstellungen eines Gottes nicht viel hielten. Und wir mussten uns ebensowenig unserer kirchenkritischen, antireligiösen Einstellung versichern. Mit einem vorzüglichen Fischbrötchen in der Hand wandten wir uns umgehend der Frage zu, ob wir der Idee zustimmen könnten, dass das Leben mehr als die Summe der einzelnen Teile sei und ob wir dann bereit wären, diese Idee irgendwie zu benennen.

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f u muede; stadt und krise

Ein möglichst kurzer Kommentar zu den G20-Protesten

Neben all den wen auch immer und wie auch immer beeindruckenden Bildern des G20-Protests gibt es die Aufnahmen von Polizisten – vielmehr Soldaten – mit Sturmgewehren im Anschlag. In der allgemeinen Nachbetrachtung erfahren diese Kulissen, die auf Bürgerkrieg verweisen, erstaunlich wenig Resonanz. Doch diese Bilder sind es, die das Interesse wecken sollten. Denn, bei allem, was diskutiert werden muss und kann und welche Anklage auch in welche Richtung geäußert werden sollte – es gibt eine erhebliche Entwicklung der Militarisierung des Polizeiapparates, wenn Demonstranten Polizisten mit gezogenen  –  nicht mal mehr geschulterten  –  Schusswaffen gegenüberstehen. Die Polizei hat ganz andere Mittel, Riots zu bekämpfen. Diese Geste muss also exakt als jene Kriegserklärung verstanden werden, als die sie gemeint ist.
Diese direkte Bedrohung des Lebens ist das sinnstiftende Bild des Übergangs in eine Autokratie. Es ist die Zusammenfassung der Einreiseverbote, Hausbesuche, eklatanten Angriffe auf die Presse- und Versammlungsfreiheit, der Hochrüstung der Repressionstechniken, der zielgerichteten Veränderung der Sprache über Organe, Funktionen, Akteure und Strukturen in einer Demokratie, der öffentlichen Aufrufe zur Denunziation, usw. usf. – des Umbaus der Idee irgendeiner Freiheit. Atemberaubend endgültig steht die Letalität des Gewehrs dem anvisierten Leben gegenüber. Entsprechend endgültig wirkt die Kraft dieser Symbolik auf die gesamte Konstitution der Gesellschaft, ob sie die Bedeutung des Bildes bemerkt oder nicht. Das Gewehr als Versprechen – das Bild wurde bewusst in die Welt gesetzt und es ist vollkommen ausreichend, als Bild. Es funktioniert als Ankündigung. Es beinhaltet einen Ausblick auf die Möglichkeit maximaler Eskalation. Wer seine Augen vor dieser Symbolik verschließt, stellt den Rechtsstaat als Errungenschaft absolut zur Disposition. Das ist vermutlich die brisanteste Erfahrung aus den G20-Protesten. Das Ausbleiben des Entsetzens lässt Böses ahnen.