Archive for the ‘prevarication’ Category.

Kritik des „irgendwie“

Dieser Herr sagte ständig „irgendwie“. Irgendwann sagte er, er sei dann „irgendwie“ vom Weg abgekommen. Ja, wie denn? Geirrt? Oder gestolpert? Wie er durch seine eigenen Sätze stolpert?

Sein Wort „irgendwie“ sagt nicht, der Umstand sei irrelevant. Es sagt, was er sagt sei in Gänze irrelevant. „Irgendwie“ erfüllt die Funktion Unbestimmtheit auszudrücken. Wer, wie der Herr, denn so einer war er, das erkannte ich an seinem Hut, nicht vom Inhalt seiner Rede überzeugt ist, benutzt dieses Wort. Aber auch, wer vom Inhalt seiner Rede überzeugt ist und nicht in der Lage, diesen Inhalt sprachlich treffend abzubilden. Mit der Eingebung des Irgendwie-Sagenden, dass der Inhalt seiner Rede nicht wirklich wert ist gesprochen zu werden, liegt der Betreffende meist vollkommen richtig. Wie schon selbst Nena feststellte, sind diese Menschen verloren in Raum und Zeit. Vom Weg abgekommen. Ihr Irrtum ist es, es doch zu versuchen, trotz ihrer Erkenntnis das Wort zu ergreifen. Das bedeutet nichts anderes, als dass man immer wenn man „irgendwie“ vernimmt, seinem Gegenüber mitteilen sollte, dass er bitte die Klappe halten soll, da er nichts zu sagen hat oder nicht in der Lage dazu ist. Das tat ich.

Ich erinnere mich noch gut an „iwie“. Dieses Portal „GuteFrage.net“ hatte mich dermaßen beeindruckt. Ein m(-Forum, welches auf den naiven Glauben rekurriert, dass das Internet alle Fragen beantworten kann oder sollte. Vermutlich viele Schüler dort, einsame Hausfrauen, was ungefähr das Gleiche ist. Hauptsache sie beherrschen ihre Kenntnisse in Syntax und Orthografie derart, dass man sich fragt, ob sie wenigstens sprechen können. Und es gibt so bezaubernde Fragen in so umwerfender Zusammenstellung:

Sind die nike airmax 90 cmft premium tap White / White mint Candy herren oder Damen schuhe ?

Wieso hasse ich meine Freundin ?

Wie in diversen Foren oder Chats wird auch dort an sich gern ein knapper, fast stenographischer Stil bemüht, aus Faulheit oder um Zeit zu sparen. Unnötige Füllwörter fallen weg, Sätze werden auf das Notwendige reduziert. Da gibt es Unmengen an nachvollziehbaren Abkürzungen in diesen Zirkeln, wie zum Beispiel asap oder OMG. Doch das „iwie“ war mir bisher fremd. Anstatt sich endlich des Adverbs zu entledigen wird es abgekürzt. Der Zusammenhang liegt auf der Hand: „iwie“ ist quasi das zentrale Wort im Netzjargon, da es im digitalen Zusammentreffen in erster Linie darum geht unhaltbare, behauptete, redundante und ungelenke Statements zu äußern. Es geht darum, Fragen zu stellen, deren Antworten verhallen, Meinungen zu meinen, die man eventuell nur vielleicht und irgendwie meint oder zumindest nur mal kurz und Antworten zu geben wie:

wer es unbedingt haben muss, kann das ja zu hause im garten machen, aber mir grauldet schon vor dem sommer, die ganzen ekligen nakischen füß in den sandalen und schlappen (brrrrrrrrr)

Um das deutlich zu formulieren: Es geht hier keineswegs um ein sprachliches Problem. Sprachhygieniker sind Menschen, die etwas beschützen wollen was sie nicht im Ansatz verstanden haben. Es handelt sich bei „irgendwie“ um ein inhaltliches Problem, da das kleine Wort eine Art und Weise angibt, die nicht bekannt ist und angeblich keine Rolle spielt. Dabei ist äußerst selten der Art und der Weise eine Rolle abzusprechen. Niemand würde es wagen „irgendwarum“ zu sagen und so dem Grund und der Ursache eine Rolle absprechen. Es gibt berechtigte „irgendwies“, wenn beispielsweise jmd sagt: Stopf dir einfach irgendwie die Ohren zu, damit du mein Gelaber nicht mehr hören musst. In einem solchen Fall wäre die Art und Weise tatsächlich vollkommen egal, ob Tampons oder Kerzenwachs, Hauptsache es ist still. Doch das sind die Tampons, die die Regel bestätigen. Bei den meisten Angelegenheiten wäre es nur irgendso eine Rezeption, wenn die Art und Weise nicht bekannt.

Der Herr jedenfalls nahm seinen Hut. Ich hatte ihn […] beleidigt.

halloween

kinoEs ist eine durchaus amüsante Erscheinung, wenn Scharen kleinwüchsiger Hexen, Gespenster, Vampire, Monster und Entsprechendes bei Dunkelheit durch die urbanen Straßen ziehen, mit Eiern und Mehlbomben werfen, Türklinken mit Zahnpasta und Autos mit Rasierschaum beschmieren und zentnerweise Süßigkeiten durch die Gegend schleppen. Und wenn die Monster ein gewisses Teenie-Alter erreicht haben, um eine beeindruckende Kostümierung und eine adäquat aggressive Ausgelassenheit an die Nacht legen zu können, wirkt die Szenerie tatsächlich annähernd spooky. In dieser Altersgruppe zumindest scheint auch nicht mehr das Süße, sondern eher das Saure reizvoll.

Die hiesige Kritik an Halloween ist schlicht größtenteils berechtigt und schnell nachvollzogen: Es handelt sich um einen weiteren Event, durch den die Industrie tonnenweise Merchandise und Zucker in Lastwagen voller Geld eintauschen kann. Allerdings sind die Kritiker bisweilen selbst nicht sonderlich glaubhaft. Das bizzarre Konsumverhalten der Erlebnisgesellschaft ist unabhängig des Gruselimports bemerkenswert. Kein Hahn kräht auf diesem Mist, wenn sich eine gesamte Stadt wegen einiger Fußballspiele komplett mit schwarzrotgoldenem Müll behängt. Der weihnachtliche Konsumschwachsinn wird halbherzig beklagt und mit dem Rat, die Plätzchen doch lieber selber zu backen, gekontert. Zu Ostern sind es eine handvoll Hardcore-Christen, die nicht aberhunderte von Milka-Eiern verstecken und die im Gegensatz zu Halloween am Fasching getragenen, belanglosen Kostüme verschlingen ebenfalls Monatsgehälter.

Somit scheint die Kritik, die bisweilen gar in Hass umschlagen kann, noch anderweitig motiviert zu sein. Anti-amerikanische Impulse liegen schnell auf der Hand. Zwar kommt Halloween ursprünglich nicht aus den USA, wird aber als us-amerikanisch verstanden. Und ziemlich umgehend begegnet man auf diesem Terrain dann auch den berüchtigten Termini „Ruhestörung“ und „Vandalismus“. Last but not least wird eine Klage über die Verdrängung des Sankt Martins laut, der ungeachtet dessen ja auch jedes Jahr auf jedem Teppich steht.

Wenn die Halloween-Feinde letztlich also nur provinzielle Spießer sind, die sich um ihre deutsche Ruhe sorgen, dann kann man ruhigen Gewissens mit einem gerne selbstgebasteltem Gruselkostüm an ihrer Tür klingeln und „Trick or Treat“ rufen.

In einer grandiosen Folge von Buffy – the Vampire Slayer verwandelten sich die Leute aufgrund eines Fluchs in genau das, als das sie sich kostümiert hatten und metzelten sich in ihrer neuen Identität naturgemäß grauenhaft gegenseitig nieder. In so einem Fall wäre die harsche Kritik wohl eher berechtigt.

Verhalten sie sich nachts ruhig!

Es gibt umwerfende Kinderliteratur, wie zum Beispiel „Die drei Räuber“ von Tomi Ungerer, ein Buch, welches auch noch grandios von Hayo Freitag auf Film gebracht wurde. Es gibt auch „Conni backt Pizza“, „Conni lernt Fahrrad fahren“ oder „Conni macht ihre Steuererklärung“ und solches Zeug. Die Spanne ist weit.

Bei Literatur über Kinder sieht es erstaunlicher Weise ganz anders aus, diese Spanne ist eng, die Literatur grundsätzlich engstirnig, die gesamte Sparte ausschließlich von hochgradigem Schwachsinn gekennzeichnet.  Es ist doch ein Schlüssel für die Verfassung der Gesellschaft, die man zuweilen mit „faschistoider Verkommenheit“ durchaus trefflich beschreiben kann. Es handelt sich hier um Bücher, in denen Vollidioten Vollidioten erklären, wie sie zukünftiges Vollidiotentum gewährleisten können. Eine antiemanzipatorische, verkappt autoritäre Programmierung, die sich geschickt eingräbt, obwohl so ungeschickt, da scheint es an ein Wunder zu grenzen, dass es Menschen überhaupt noch gibt, wenn die so etwas lesen. Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, sicherlich nicht in den Kinderzimmern dieser Welt, liegt denen eine zugrunde, wie sie in diesen Büchern zu finden ist. Diese schamlosen Ansammlungen von Pseudo-Tipps, die auf ein verklemmtes Korsett von Lebens(wahn-)vorstellungen rückschließen lassen, sind so schlicht und umfassend durchdrungen von hemmungsloser Idiotie.

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24 krank

Der grippale Infekt heißt „Erkältung“, in Österreich auch „Verkühlung“, eine akute Infektion der Nasenschleimhäute einschließlich Nebenhöhlen, Hals und Bronchien, häufig von Rhino-, Entero-, Corona-, Mastadeno- und der Familie der Paramyxoviridae-viren verursacht. Schon die Römer vermuteten einen Zusammenhang von Kälte und Erkältung. So ungefähr Wiki. Die körperliche Malaise kann eine seelische Genugtuung sein: („Fließband musst du mal aufs Klo, oder warum rennst du so?“ – Blubberbum) = endlich im Bett bleiben, Kraft schöpfen. Lesen. Ach, Moby Dick!! Aber diese Kopfschmerzen! Langeweile genießen. Langeweile beobachten. Langeweile ertragen. Langeweile verfluchen. Fernseher an. Irgendwas, scheißegal was. Aber da läuft noch viel schlimmerer Rotz als aus der Nase.

„Kannst du mir noch einen Ingwertee machen und eine Serie ausleihen?“

„Was denn für eine Serie?“

„Total egal. Fünf Staffeln 24.“

Dabei ist es schon elf Jahre her, dass die faschistoide Folterserie „24“, kurz nach den Anschlägen auf das WTC, auf den Schirm kam. Gutes Timing war das. Und die Serie war extrem spannend. Mittlerweile ist sie ein zeitgeschichtliches Dokument der paranoiden, selbstgefälligen und menschenverachtenden Politik der US-Administration von damals bis heute, ebenso unterhaltsam und sehenswert wie durch Wiederholung und dramatische Pseudo-Steigerung ad absurdum geführt und nicht auszuhalten. Bemerkenswert, wie sich das A-Team der Adoleszenz gewandelt hatte.

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migration

Eine Flüchtlingskarawane zieht von Würzburg nach Berlin um gegen die Residenzpflicht und rassistische Schikanen aufmerksam zu machen. Der Protest ist insofern erfolgreich, als er sich Aufmerksamkeit verschaffen kann. Nichtsdestotrotz behalten sich die etablierten Medien vor, über den Fußmarsch als eine Art Kuriosum zu berichten und die von den Flüchtlingen angesprochenen Mißstände nicht weiter zu beleuchten.

Oder:

Nicht ein mal das haben die Griechen hingekriegt: Als aktuelle Projektionsfläche für rassistisch konnotierte Ressentiments dürfen die Spanier herhalten, von denen es „hier mittlerweile nur so wimmelt“. Nicht immer, aber immer öfter begegnet man den altbekannten Ja-Aber-Phrasen nun mit den Bauteilen Stierkampf und O2-Arena oder Paella und Neukölln. Meine Güte, denkt man sich, dieses gähnend langweilige Spiel wird nie ein Ende haben.

Ungeachtet des profanen Bedienens und Funktionierens eines neuen Ressentiment und ob überhaupt, warum, warum nicht und/oder schnuppe – und ungeachtet einer medialen Verstellung des Blicks durch Fokussierung: in beiden Fällen handelt es sich um Bewegungsprozesse in angesicht einer Politik-, Finanz- und Wirtschaftskrise. Der Blick darauf immer verstellt, denn verdreht von denen, die von der Verdrehung der Zusammenhänge profitieren.

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was kostet die welt

Hey, Du hast aber eine coole Sonnenbrille auf! WAS? Eine echte Ray-Ban? Das sind ja auch die Besten! Von Apollo-Optik? Dem Optiker, hinten unten in der Mall, der die Gläser billig in Sonstwo schleifen lässt? Warum wirbt der nicht mal mit „Voll die Optik!“ – wenn deine Altersgruppe schon zum Kundenkreis gehört. Nebenan, bei Tchibo, oder Schibo, ich vergess immer, wie man das schreibt, das ist auch für Ältere, gibt es Trekking-Stöcke mit Hohlraumtechnologie und Toaster. Was ist eigentlich Trekking? Das Leitsymptom der Wanderniere sind Flankenschmerzen, soviel weiß ich.

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schwarzrotkotz

Der Bezug auf die Nation ist bei einer Fussballeuropameisterschaft quasi vorgegeben. Und somit auch der Bezug auf die schwarz-rot-goldene Fahne. Infantil sitzen die Scharen in Trikots vor ihren Riesenglotzen, der Cowboyhut beim Western-Gucken, Peng-Peng – die schwarzrotkotzfarbenen Gestalten, die vom Spiel gar keine Ahnung haben, Ole-Ole (oder schlimmer noch: davon Ahnung haben und das Konditionstheater für etwas Entscheidendes halten).

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kmii

„kein mensch ist illegal“ (kmii), die sicherlich bedeutendste Kampagne der 1990er Jahre, muss als Referenz für heutige politische Bewegungen genommen werden. Als Plattform eines offenen Netzwerks lokaler Initiativen und Individuen konnte kmii zeitweilig bemerkenswerte Strukturen etablieren, politische Impulse setzen und Unterstützung organisieren.

Entscheidend war zunächst der fundamentale Ansatzpunkt der Kritik, der sich nicht an Oberflächlichkeiten abarbeiten ließ, sondern unverhandelbar einen Point of no Return etablierte: Kein Mensch ist illegal. Eine einfache Feststellung, die tiefgreifende Forderungen impliziert. Aus Sicht der Bewegungsforschung ist der Verlauf der Kampagne ein hervorragendes Beispiel für ein intelligentes framing eines politischen Anliegens. Die Praxis einer hybriden Herangehensweise hat so lange funktioniert, bis sie von bewegungstypischen Verlaufsmustern zu stark überlagert wurde.

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„artefacts do have politics!“

Keine Technik ist neutral – schlicht und einfach weil sie zweck- und zielorientiert ist, für oder gegen etwas verwendet werden kann und deshalb gestaltet wird, und nicht bloß schon existiert, wuchernd wächst oder sich zielgerichteter Beeinflussung entzieht. Anschaulich, wenn auch fälschlicherweise, halten die Brücken des Robert Moses als Beispiel für eine diskriminierende Stadtarchitektur – also Technik – her: die Brücken, die angeblich absichtlich so niedrig gebaut wurden, dass keine Busse mehr unter ihnen hindurch fahren konnten, so dass den Armen der Zugang zum Strand versperrt blieb.1 Berühmt ist Benthams Panoptikum und banal sind in diesem Zusammenhang die täglichen (und unnötigen) Erfahrungen sozial schwach gestellter oder behinderter Menschen. Continue reading ‘„artefacts do have politics!“’ »

post – gender? WTF!

Gerade lief mir ein Vortrag über den Weg, den ich vor mittlerweile sieben Jahren in einem OSI-Seminar bei Dagmar Vinz und Achim Brunnengräber hielt. Es handelt sich um einen groben „Stand der Debatte“ der feministischen Theorie/Kritik, angebunden an die Frage nach der Rolle in den IBez. Zwar bin ich nicht mehr ganz up-to-date, habe aber den Eindruck, dass sich an der Zustandsbeschreibung von damals nicht viel getan hat – eher im Gegenteil. Gerade der Postgender-Quark der Piraten oder die prollige Auseinandersetzung zwischen Schwarzer und Schröder zeigen eine Ignoranz gegenüber der Analyse, die ihresgleichen sucht. Da es sich um die flüchtige Transskription des Vortrags handelt, fehlen die Quellenangaben. Der studentische Duktus ist irgendwo zwischen ambitioniert und nervtötend. Trotzdem habe ich mich entschlossen, den Vortrag für die, die es interessiert, hier mal zu posten:

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