Archive for März 2012

„artefacts do have politics!“

Keine Technik ist neutral – schlicht und einfach weil sie zweck- und zielorientiert ist, für oder gegen etwas verwendet werden kann und deshalb gestaltet wird, und nicht bloß schon existiert, wuchernd wächst oder sich zielgerichteter Beeinflussung entzieht. Anschaulich, wenn auch fälschlicherweise, halten die Brücken des Robert Moses als Beispiel für eine diskriminierende Stadtarchitektur – also Technik – her: die Brücken, die angeblich absichtlich so niedrig gebaut wurden, dass keine Busse mehr unter ihnen hindurch fahren konnten, so dass den Armen der Zugang zum Strand versperrt blieb.1 Berühmt ist Benthams Panoptikum und banal sind in diesem Zusammenhang die täglichen (und unnötigen) Erfahrungen sozial schwach gestellter oder behinderter Menschen. Continue reading ‘„artefacts do have politics!“’ »

post – gender? WTF!

Gerade lief mir ein Vortrag über den Weg, den ich vor mittlerweile sieben Jahren in einem OSI-Seminar bei Dagmar Vinz und Achim Brunnengräber hielt. Es handelt sich um einen groben „Stand der Debatte“ der feministischen Theorie/Kritik, angebunden an die Frage nach der Rolle in den IBez. Zwar bin ich nicht mehr ganz up-to-date, habe aber den Eindruck, dass sich an der Zustandsbeschreibung von damals nicht viel getan hat – eher im Gegenteil. Gerade der Postgender-Quark der Piraten oder die prollige Auseinandersetzung zwischen Schwarzer und Schröder zeigen eine Ignoranz gegenüber der Analyse, die ihresgleichen sucht. Da es sich um die flüchtige Transskription des Vortrags handelt, fehlen die Quellenangaben. Der studentische Duktus ist irgendwo zwischen ambitioniert und nervtötend. Trotzdem habe ich mich entschlossen, den Vortrag für die, die es interessiert, hier mal zu posten:

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booklets

Die Serie Sopranos ist ja nun auch schon ein paar Jahre alt, was sie keineswegs schlechter macht.

Tony: Ich will den Wichser da haben, wo ich ihn sehen kann.

Carmella: Das nennen wir Familie, Tony.

Da HBO damals vergaß, den DVD-Kartons ihrer Serien ein einordnendes booklet beizulegen, wird das jetzt vom diaphanes-Verlag nachgeholt: booklet. Gute Idee.

politics of statistics

Churchill habe gesagt, man solle nur den Statistiken glauben, die man selbst gefälscht hat. Ob Churchill das wirklich gesagt hat oder nicht, wer weiß. Man  sollte auch nur den Zitaten glauben, die man selbst zitiert hat oder sich selbst zitieren. Aber gesetzt den Fall, Churchill hätte das gesagt. Was ändert es daran, dass diese Aussage lakonischer Blödsinn ist? Unbestritten kann man Statistiken manipulieren oder mißbrauchen. Mit dem statistischen Zusammenhang zwischen Bränden und Feuerwehr kann man beweisen, dass die Brandwahrscheinlichkeit an dem Ort, an dem sich eine Feuerwehr befindet, am höchsten ist.

Doch grundsätzlich sind Statistiken ledigliche Messverfahren, die möglichst strengen und nachvollziehbaren Regeln unterliegen (sollen) und – bei aller berechtigter (Wissenschafts-)Kritik – empirisch tragen können. Den Aussagegehalt einer Statistik einzuschätzen ist im Übrigen gar nicht weiter schwer: Man sieht sich an, wer die Erhebung warum vorgenommen hat. Das ist nicht selten ein ausreichender Hinweis, den Gehalt einer Studie einschätzen zu können. Ein weiteres Kriterium ist die Offenlegung des Instrumentariums – seriöse Untersuchungen geben überprüfbar das Verfahren an, mit dem die Daten erhoben wurden. Bei Aussage-Erhebungen spielt es eine Rolle, wieviele Personen in welcher Situation wie befragt wurden. Schließlich ist auch der Zeitraum, auf den sich eine Untersuchung bezieht, aufschlussreich. Eine beispielhafte Studie, die sich über ganze zehn Jahre erstreckte, hat etwa Wilhelm Heitmeyer unter dem Titel „Deutsche Zustände“ (Handout Uni Bielefeld) herausgegeben.

Wenn man also mit Statistiken auch viel Unfug treiben kann, gehen mir persönlich Behauptungen, die jeglicher Grundlage entbehren, statistisch gesehen mehr auf die Nerven als Statistiken.

„Irrtümer“, die die Welt bedeuten II

Aus der Reihe „Logik“ eine Folgerung zur Schuldenbelastung der nächsten Generation:

Drastische Sparmaßnahmen und Einschnitte ins Sozialwesen werden besonders gerne mit dem scheinbar selbstlosen Argument begründet, man könne die Schulden nicht der nächsten Generation aufbürden. Bloß:

Es findet keine Umverteilung zwischen, sondern innerhalb der Generationen statt. Und zwar eine von «unten» nach «oben». Wie funktioniert das? «Unsere Enkel» erben nicht nur die Schulden, sondern auch die Forderungen, also die Vermögen. Man kann sich das anhand einer Familie vorstellen: Wenn die Mutter dem Vater 100 Euro borgt und beide sterben, so erben die Kinder nicht nur die 100 Euro Schulden des Vaters. Sie erben auch die Forderung der Mutter, die die 100 Euro verliehen hat und dafür Zinsen erhält. Auch bezogen auf den Staat gibt es Schulden und Vermögen, die weiter gegeben werden. Wer erbt nun die Schulden und wer erbt die Forderungen?

(Stefan Kaufmann, Ingo Stützle: Ist die ganze Welt bald pleite?)

„Irrtümer“, die die Welt bedeuten I

Ein aufschlussreicher Vergleich zur behaupteten „Überbevölkerung“:

Entgegen allen Fakten gelten nicht Imperialismus und Kapitalismus, sondern die „Überbevölkerung“ als wesentliche Ursache von Armut, Hunger und Naturzerstörung. Die üblichen Berichte über die Entwicklung der Weltbevölkerung sind meist mit Bildern eng gedrängter dunkelhäutiger Menschenmassen illustriert, selten mit Bildern Hellhäutiger im Feierabendverkehr, beim Schlussverkauf oder in Autobahnstaus zu Ferienbeginn. […] Deutschland ist dichter besiedelt (231 Einwohner pro Quadratkilometer) als Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas (152 Einwohner pro km²). In den Niederlanden leben mehr Menschen (400 Einwohner pro km²) als in Indien (382 Einwohner pro km²). Ägypten liegt mit 81 Menschen pro Quadratkilometer unter Österreich (100 Einwohner pro km²) und der Schweiz (184 Einwohner pro km²). […] Hat schon jemals irgendwer enrsthaft die Überbevölkerung Monacos (16620 Einwohner pro km²) gegeißelt?

(Jutta Ditfurth: Worum es geht; siehe unten)

Worum es geht

Jutta Ditfurth hat im Rotbuch-Verlag die Flugschrift „Worum es geht“ herausgebracht:

„Aber wessen Freiheit meinen sie? Freiheit wovon und wozu? Der Krieg namens Kapitalismus herrscht weltweit. Er ist die Krise unseres Lebens.“

Knapp und fundamental kritisiert Ditfurth den terroristischen Kapitalismus. Wem Sätze wie

Krieg, Ausbeutung, Naturzerstörung, Fremdbestimmung und Demütigung haben die Welt im Griff.

zu radikal oder pathetisch sind, weil das neue iPhone einfach zu geil ist, bitte schön.

„Worum es geht“ ist deshalb so empfehlenswert, weil es sich nicht nur in Kritik erschöpft, sondern diese Kritik anbindet, an das, worum es geht: Um ein freies, selbstbestimmtes, solidarisches Leben. Wer der Meinung ist, uns gehe es doch eigentlich ganz gut, kann da noch mal die Zusammenhänge ergründen und überprüfen. Das beinhaltet auch eine Konsumkritik, bei der man sich möglicherweise ertappt fühlt.

Die Schrift ist frei von Zynismus und Resignation. War es das, was DLR Kultur nicht verkraften konnte? Denn „Worum es geht“ ist von mir aus alles mögliche, aber nun wirklich nicht zornig, wütend und aggressiv. Nun ja, die Bildunterschrift „Jutta Ditfurth befasst sich mal wieder mit Antikapitalismus“ spricht Bände. Da kann selbst der Layouter nicht mehr richtig das Cover skalieren, vielleicht musste er schnell zu Saturn, da gibt es gerade die neuen „Soo! Muss Technik!-Flachbildschirme“.

 

Kein Anschluss unter dieser Nummer.

Die pseudopolitische Bewegung „Occupy“ erfreut sich an Zulauf und Fame. Politisches Engagement sollte man grundsätzlich begrüßen. Tatsächlich ist die Bewegung kein Grund zur Freude.

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endlich abgehängt.

Schon vor vielen Wochen schrieb ich Frank Henkel folgende Mail:

Sehr geehrter Herr Henkel,

ich schätze weder Ihre Politik noch Ihr Konterfei besonders. Da Sie ersteres wohl vermutlich nicht aufgeben, könnten Sie vielleicht letzteres wenigstens abhängen? Schönhauser/Milastraße. Ich muss da andauernd lang.

Vielen Dank.

Frank hat mir zwar nicht geantwortet, aber HEUTE MORGEN war es endlich weg! Ich habe mich wirklich gefreut.