Archive for Januar 2013

the roof is on fire

Natürlich weiß auch Panzergrenadier Thomas de Misere um den Unterschied zwischen einer unbemannten Drohne und einem bemannten Kampfjet. Der Anstieg der Distanz zwischen Killer und Opfer senkt die Hemmung, die Minderung des eigenen Risikos erhöht die Bereitschaft. Es ist albern zu behaupten, es gehe nicht darum. Natürlich soll und will er auch so ein tolles Killerspielzeug anschaffen. Eine Erleichterung der militärischen Aneignung von fremden Rohstoffen durch Abstraktion. Der ledigliche Knopfdruck schützt vermutlich auch besser vor PTBS, dieser fiesen Nebenwirkung des Tötens. Ist es nicht gottgleich: selbst unantastbar lässt man das Ding über den Menschen schweben, sie beobachten, bei Bedarf hinrichten. So heißt auch die EADS-Drohne „Talarion“, laut Wikipedia nach den Flügelchen an den Sandalen des Götterboten Hermes benannt. Hermes im Übrigen nicht nur der Gott der Gymnastik, sondern auch Verkünder der Beschlüsse des Zeus, führte die Seelen der Verstorbenen in den Hades. Ein Hinweis, was in den Köpfen der Militaristen vorgeht.

(Anbei: Für den Zuschauer des Krieges im Spätkapitalismus muss es in die andere Richtung gehen: Zerfetzte Körper in Blutlachen, hochaufgelöst. Brutalität als Unterhaltung und Erziehung. Die „Kulturindustrie ist nicht nur Fortsetzung des Krieges mit ästhetischen Mitteln, sondern auch Krieg ist Fortsetzung von Kulturindustrie mit militärischen Mitteln“ 1). Ein starkes, untrennbares Bündnis, welches mit Distanz und Aufbereitung zu operieren weiß.)

 

1) Susann Witt-Stahl: …nichts weiter als barbarische Schlachterei, in: einer alten testcard #15, 2006, S.140

Wanzentanz

… sieh Dir mal die Wanze an, wie die Wanze tanzen kann…

So langweilig das Dschungelcamp, so interessant der Artikel von Tomasz Konicz über den präfaschistischen Charakter der Sendung. Die Rückführung auf den autoritären Charakter ist sicherlich zutreffend (wenngleich nicht umfassend):

Dem autoritären Charakter ist eine Untertanenmentalität eigen, die in Krisenzeiten ihre Servilität gegenüber dem herrschenden System psychisch nur aufrechterhalten kann, wenn sie sich Möglichkeiten der Triebabfuhr verschafft. […] Da dem autoritären Charakter ein Aufbegehren gegen die Verhältnisse, die ihn in den Irrsinn treiben, unmöglich scheint, bricht sich die so angestaute Wut gegen Schwächere Bahn.

Zum Ende des Volksliedes verschwinden Wanze wie Tanz und werden durch Verstummen ersetzt. Das ist doch phänomenal: Die Wanze die tanzt und die, die auf der Lauer sitzt, sind ein und dieselbe. Am Ende verschwinden beide.

 

 

des Teufels

Pollocks „Handwerk des Teufels“ ist nicht nur über die Handlung, sondern ebenso über die Atmosphäre grausam. Die dort beschriebene, protofaschistische, fundamentalchristliche US-Provinz der 50er Jahre ist derart abstoßend, das ist ein tolles, lesenswertes Buch.

modern world

Liszt

Noch nie zuvor (bewusst) Liszt gehört, keine Erklärung dafür. Nun hielt ich seine Klavierkonzerte 1 & 2 – Totentanz in den ersten Momenten für grauenhaft kitschig. Doch sind sie eigentlich kindisch. Furios, sentimental, streckenweise unsagbar albern. Der gebeutelte Franz hatte das sicher ganz ernst gemeint. Es ist ein großes Vergnügen diese Musik zu hören.

(Franz Liszt: Piano Concerto No. 1 in E flat major and No. 2 in A major – Totentanz, Paraphrase on „Dies Irae“)

feminismus ohne strategie

Im sehr interessanten, wenn auch leider sehr knappen Gespräch mit Nancy Fraser (auch hier) in der RLS-Zeitschrift Luxemburg, resümiert diese:

Die feministische Kampfansage gegen diesen Kapitalismus konnte durch den aufkommenden Neoliberalismus eingehegt werden. Feministische Ideen wurden für seine Zwecke umgedeutet und gebändigt. […] Die Bewegung erwies sich in ihrer Praxis weniger als Gegenwehr gegen den Kapitalismus denn als seine Modernisierung.

Die Antwort auf diesen niederschmetternden Befund wäre ein Bewusstsein über die Zerstörungskraft des Neoliberalismus und eine Idee diesen zu bekämpfen. Fraser führt die „99%“ als potentielle Verbündete im Kampf gegen den Neoliberalismus an (denkt dabei vielleicht nicht unbedingt an die hiesige Variante der Bewegung). Die entscheidende Frage, die die radikalen Mitglieder ihren Schwestern und Genossen in diesen Strömungen vorzulegen haben, ist:

Auf welcher Seite steht ihr? Werdet ihr einfach zuschauen, wie unsere Ziele, unsere Träume, unsere Ideen als Legitimationen des Neoliberalismus wieder an Kraft gewinnen? Oder seid ihr bereit, für ihre Wiederaneignung zu kämpfen? […] Wenn es innerhalb dieser Krise Hoffnung gibt, dann ist es der Impuls, Klarheit darüber zu gewinnen, was auf dem Spiel steht, und die Alternativen deutlich zu machen.

(Feminismus ohne Strategie, Nancy Fraser im Gespräch, Luxemburg 4, 2012, S. 64ff., ärgerlicherweise nicht im Netz)