Archive for Juni 2014

Kritik des „irgendwie“

Dieser Herr sagte ständig „irgendwie“. Irgendwann sagte er, er sei dann „irgendwie“ vom Weg abgekommen. Ja, wie denn? Geirrt? Oder gestolpert? Wie er durch seine eigenen Sätze stolpert?

Sein Wort „irgendwie“ sagt nicht, der Umstand sei irrelevant. Es sagt, was er sagt sei in Gänze irrelevant. „Irgendwie“ erfüllt die Funktion Unbestimmtheit auszudrücken. Wer, wie der Herr, denn so einer war er, das erkannte ich an seinem Hut, nicht vom Inhalt seiner Rede überzeugt ist, benutzt dieses Wort. Aber auch, wer vom Inhalt seiner Rede überzeugt ist und nicht in der Lage, diesen Inhalt sprachlich treffend abzubilden. Mit der Eingebung des Irgendwie-Sagenden, dass der Inhalt seiner Rede nicht wirklich wert ist gesprochen zu werden, liegt der Betreffende meist vollkommen richtig. Wie schon selbst Nena feststellte, sind diese Menschen verloren in Raum und Zeit. Vom Weg abgekommen. Ihr Irrtum ist es, es doch zu versuchen, trotz ihrer Erkenntnis das Wort zu ergreifen. Das bedeutet nichts anderes, als dass man immer wenn man „irgendwie“ vernimmt, seinem Gegenüber mitteilen sollte, dass er bitte die Klappe halten soll, da er nichts zu sagen hat oder nicht in der Lage dazu ist. Das tat ich.

Ich erinnere mich noch gut an „iwie“. Dieses Portal „GuteFrage.net“ hatte mich dermaßen beeindruckt. Ein m(-Forum, welches auf den naiven Glauben rekurriert, dass das Internet alle Fragen beantworten kann oder sollte. Vermutlich viele Schüler dort, einsame Hausfrauen, was ungefähr das Gleiche ist. Hauptsache sie beherrschen ihre Kenntnisse in Syntax und Orthografie derart, dass man sich fragt, ob sie wenigstens sprechen können. Und es gibt so bezaubernde Fragen in so umwerfender Zusammenstellung:

Sind die nike airmax 90 cmft premium tap White / White mint Candy herren oder Damen schuhe ?

Wieso hasse ich meine Freundin ?

Wie in diversen Foren oder Chats wird auch dort an sich gern ein knapper, fast stenographischer Stil bemüht, aus Faulheit oder um Zeit zu sparen. Unnötige Füllwörter fallen weg, Sätze werden auf das Notwendige reduziert. Da gibt es Unmengen an nachvollziehbaren Abkürzungen in diesen Zirkeln, wie zum Beispiel asap oder OMG. Doch das „iwie“ war mir bisher fremd. Anstatt sich endlich des Adverbs zu entledigen wird es abgekürzt. Der Zusammenhang liegt auf der Hand: „iwie“ ist quasi das zentrale Wort im Netzjargon, da es im digitalen Zusammentreffen in erster Linie darum geht unhaltbare, behauptete, redundante und ungelenke Statements zu äußern. Es geht darum, Fragen zu stellen, deren Antworten verhallen, Meinungen zu meinen, die man eventuell nur vielleicht und irgendwie meint oder zumindest nur mal kurz und Antworten zu geben wie:

wer es unbedingt haben muss, kann das ja zu hause im garten machen, aber mir grauldet schon vor dem sommer, die ganzen ekligen nakischen füß in den sandalen und schlappen (brrrrrrrrr)

Um das deutlich zu formulieren: Es geht hier keineswegs um ein sprachliches Problem. Sprachhygieniker sind Menschen, die etwas beschützen wollen was sie nicht im Ansatz verstanden haben. Es handelt sich bei „irgendwie“ um ein inhaltliches Problem, da das kleine Wort eine Art und Weise angibt, die nicht bekannt ist und angeblich keine Rolle spielt. Dabei ist äußerst selten der Art und der Weise eine Rolle abzusprechen. Niemand würde es wagen „irgendwarum“ zu sagen und so dem Grund und der Ursache eine Rolle absprechen. Es gibt berechtigte „irgendwies“, wenn beispielsweise jmd sagt: Stopf dir einfach irgendwie die Ohren zu, damit du mein Gelaber nicht mehr hören musst. In einem solchen Fall wäre die Art und Weise tatsächlich vollkommen egal, ob Tampons oder Kerzenwachs, Hauptsache es ist still. Doch das sind die Tampons, die die Regel bestätigen. Bei den meisten Angelegenheiten wäre es nur irgendso eine Rezeption, wenn die Art und Weise nicht bekannt.

Der Herr jedenfalls nahm seinen Hut. Ich hatte ihn […] beleidigt.

rosengarten

bln, 2014

too staub to erlangen

Felix Pestemer und Robin Jahnke im Comic-Salon Erlangen: Pestemers viel gepriesenes Debüt „Der Staub der Ahnen“ haben die Salon-Besucher vielleicht noch von der Ausstellung vor zwei Jahren vor Augen. Beim avant-Lesemarathon vertont er verbal den Peyote-Trip am Ende des Buches (samt Geräuschen), um dann mit seinem Co-Autor Robin Jahnke sein Projekt „Hertha Hindenburg – Too Big to Fail“ anzuteasen.

avant_lese_marathon

Samstag , 21. Juni, 17:30 bis 19:00 Uhr

Rathaus
Rathausplatz
91052 Erlangen

‚Hertha Hindenburg – Too Big to Fail‘

Aus der ursprünglichen Idee zu einer Adaption von Rabelais´ „Gargantua“ entstand unserem Einfluss entzogen die gewaltige Frau, die sich in stetigem Wachstum unser gesamtes Schaffen einverleibte. Eingeschüchtert legten wir die Stifte aus der Hand und schauten zu, wie die entfesselte Hertha Hindenburg von uns Besitz ergriff. Nun blieb uns nur noch, die perfiden Hintergründe der Geschichte zu recherchieren und darzulegen. Für Sekretärin Neumann schien es ein wahrer Krimi zu sein. Doch uns wurde schnell klar, dass es hier um weitaus mehr ging.

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Die Quittung des ewigen Wachstums als Wunsch und Wille, in Adornos Vision der pausbäckigen Unersättlichkeit mündend, ist der schweißgetränkte Weg ins Armageddon. Doch es ist nicht kassandrisch der Weg beschrieben, sondern ein System und sein Scheitern. Wie der Stolz der Nazis, der im Himmel schwebend in Flammen aufging, wie die sich abkehrende Mutter Erde, die nun wirklich von allen mit Füßen getreten wird, so wird auch die dicke Frau der tödliche Bumerang der Unersättlichen. Das böse Ende, der Untergang der Menschen wird nie eine leere Wüste sein, sondern eine fettige Explosion.

‚Hertha Hindenburg – Too Big to Fail‘ / Felix Pestemer & Robin Jahnke – voraussichtlich ab 2017 im Avant-Verlag erhältlich