Archive for September 2016

Habe seit einiger Zeit die Theorie, dass Büsche runtergerutschte Bäume sind.

Vielleicht hat ja jemand mal so etwas beobachtet?

busch

Extrabelästigung

Der Flyer in der Fußgängerzone, die hinterlegten Programme auf dem neuen Computer und die kostenlose App, der Luftballon am Parteistand, Punkte an der Kasse, all die aus der Zeitung fallenden Prospekte, sämtliche Kalender und Kugelschreiber – es sind Dinge, die niemand braucht, niemand will, über die sich niemand freut. Denn längst ist das jeweilige Versprechen als lügnerisch durchschaut, der verkappte Sinn bekannt, der Nutzen immer ausgeblieben. Wir Leben in einer Welt, in der man ungefragt meist das bekommt, was einen sowieso schon bedrängt und in weitere Bedrängnis bringen will. Ob Werbung funktioniert sei dahingestellt, aber ein Mitteilungsbedürfnis, welches seine Absichten mehr oder weniger verdecken will, ist immer infam, man kann es nur ablehnen, es belästigt.

Dieser belästigende Charakter ist auch das augenfälligste Zeichen des „Extrablatt für die Wahl zum Abgeordnetenhaus“, welches kostenlos, ungefragt und wahllos in zahlreiche Briefkästen der Stadt gesteckt wurde. So auch in meinen. Dass es sich bei dieser Zeitung um keine solche handelt, allein dieser Umstand ruft nur Abscheu hervor. Die erste Frage, die sich stellt: Wer will mich hier schon wieder verarschen? Es ist der unglückliche „Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten“. Der faschistoide Inhalt der Schrift ist weder interessant noch unbekannt und bekanntermaßen frei erfunden. Dass ein „Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit“ über zehn schmutzige Seiten den Mangel an Rechtsstaatlichkeit beklagt, also vermisst was er erhalten will und somit nicht erfüllen kann, wofür er gegründet, wenn denn stimmte was er postuliert, entbehrt nicht einer gewissen Komik.

Allein der Auftritt des Blattes und das halbwegs klandestine Impressum karikieren Wut und Pathos der Artikel. Die Verfasser bemerken die damit ausgedrückte Geringschätzung ihrer Adressaten nicht. Und wenn auch bestimmt so einige Adressaten diese Geringschätzung ebenfalls nicht bemerken – dass man es mit einer Belästigung zu tun hat, ist so deutlich wie die Sprache der hier klierenden Populisten. Es ist letztlich egal, wer das geschrieben hat und wer es finanziert. Das sind Menschen, die niemand braucht, niemand will, über die sich niemand freut. Es ist auch egal, was da alles in dem Extrablatt steht, es ist lächerlich. Man muss sich aber zu der Belästigung verhalten, nicht zum Inhalt. Diese ist wirklich unangenehm. Ich wollte nicht durch ein Flugblatt in meinem Briefkasten daran erinnert werden, dass diese Zeitgenossen ihre primitiven Ressentiments zur Wahrheit erheben wollen. Ich wollte an diese Zeitgenossen gar nicht erinnert werden.