Archive for Juli 2017

Gespräch mit einem Freund über ein Essay über Gott

Wir spazierten den ganzen Tag durch Hamburg. Es war ein fantastischer Ausflug, die Sonne schien, der Wind wehte, ohne Ziel ließen wir uns treiben und sprachen über dieses und jenes, über Gott und die Welt und schließlich über Gott und die Welt. Denn ich berichtete meinem Bekannten, dass ich vor Kurzem ein Essay über Gott angefangen hatte, in dem ich jedoch zu keinem rechten Schluss gekommen war. Wenn man so lange so eng befreundet ist, kann man jederzeit aneinander anknüpfen. Man braucht keine Umschweife und auch darum waren unsere beiläufigen Gespräche nur im spazierenden Sinne beiläufig. Natürlich brauchten wir uns nicht darüber verständigen, dass wir von den naiven Vorstellungen eines Gottes nicht viel hielten. Und wir mussten uns ebensowenig unserer kirchenkritischen, antireligiösen Einstellung versichern. Mit einem vorzüglichen Fischbrötchen in der Hand wandten wir uns umgehend der Frage zu, ob wir der Idee zustimmen könnten, dass das Leben mehr als die Summe der einzelnen Teile sei und ob wir dann bereit wären, diese Idee irgendwie zu benennen.

Continue reading ‘Gespräch mit einem Freund über ein Essay über Gott’ »

f u muede; stadt und krise

Ein möglichst kurzer Kommentar zu den G20-Protesten

Neben all den wen auch immer und wie auch immer beeindruckenden Bildern des G20-Protests gibt es die Aufnahmen von Polizisten – vielmehr Soldaten – mit Sturmgewehren im Anschlag. In der allgemeinen Nachbetrachtung erfahren diese Kulissen, die auf Bürgerkrieg verweisen, erstaunlich wenig Resonanz. Doch diese Bilder sind es, die das Interesse wecken sollten. Denn, bei allem, was diskutiert werden muss und kann und welche Anklage auch in welche Richtung geäußert werden sollte – es gibt eine erhebliche Entwicklung der Militarisierung des Polizeiapparates, wenn Demonstranten Polizisten mit gezogenen  –  nicht mal mehr geschulterten  –  Schusswaffen gegenüberstehen. Die Polizei hat ganz andere Mittel, Riots zu bekämpfen. Diese Geste muss also exakt als jene Kriegserklärung verstanden werden, als die sie gemeint ist.
Diese direkte Bedrohung des Lebens ist das sinnstiftende Bild des Übergangs in eine Autokratie. Es ist die Zusammenfassung der Einreiseverbote, Hausbesuche, eklatanten Angriffe auf die Presse- und Versammlungsfreiheit, der Hochrüstung der Repressionstechniken, der zielgerichteten Veränderung der Sprache über Organe, Funktionen, Akteure und Strukturen in einer Demokratie, der öffentlichen Aufrufe zur Denunziation, usw. usf. – des Umbaus der Idee irgendeiner Freiheit. Atemberaubend endgültig steht die Letalität des Gewehrs dem anvisierten Leben gegenüber. Entsprechend endgültig wirkt die Kraft dieser Symbolik auf die gesamte Konstitution der Gesellschaft, ob sie die Bedeutung des Bildes bemerkt oder nicht. Das Gewehr als Versprechen – das Bild wurde bewusst in die Welt gesetzt und es ist vollkommen ausreichend, als Bild. Es funktioniert als Ankündigung. Es beinhaltet einen Ausblick auf die Möglichkeit maximaler Eskalation. Wer seine Augen vor dieser Symbolik verschließt, stellt den Rechtsstaat als Errungenschaft absolut zur Disposition. Das ist vermutlich die brisanteste Erfahrung aus den G20-Protesten. Das Ausbleiben des Entsetzens lässt Böses ahnen.