migration

Eine Flüchtlingskarawane zieht von Würzburg nach Berlin um gegen die Residenzpflicht und rassistische Schikanen aufmerksam zu machen. Der Protest ist insofern erfolgreich, als er sich Aufmerksamkeit verschaffen kann. Nichtsdestotrotz behalten sich die etablierten Medien vor, über den Fußmarsch als eine Art Kuriosum zu berichten und die von den Flüchtlingen angesprochenen Mißstände nicht weiter zu beleuchten.

Oder:

Nicht ein mal das haben die Griechen hingekriegt: Als aktuelle Projektionsfläche für rassistisch konnotierte Ressentiments dürfen die Spanier herhalten, von denen es „hier mittlerweile nur so wimmelt“. Nicht immer, aber immer öfter begegnet man den altbekannten Ja-Aber-Phrasen nun mit den Bauteilen Stierkampf und O2-Arena oder Paella und Neukölln. Meine Güte, denkt man sich, dieses gähnend langweilige Spiel wird nie ein Ende haben.

Ungeachtet des profanen Bedienens und Funktionierens eines neuen Ressentiment und ob überhaupt, warum, warum nicht und/oder schnuppe – und ungeachtet einer medialen Verstellung des Blicks durch Fokussierung: in beiden Fällen handelt es sich um Bewegungsprozesse in angesicht einer Politik-, Finanz- und Wirtschaftskrise. Der Blick darauf immer verstellt, denn verdreht von denen, die von der Verdrehung der Zusammenhänge profitieren.

Die Sache mit der Perspektive: Weltweit liegt der Anteil der Menschen, die nicht dort leben, wo sie geboren wurden bei etwa 3 % (2010). Angenommen der Anteil der nicht dokumentierten Migration ist ebenso groß, kommt man zu dem Ergebnis, dass etwa 94 % der Menschen dort bleiben, wo sie auf die Welt kamen. Der Anteil der Menschen, die ihren (staatlichen, Binnenmigration wird nicht berücksichtigt) Standort wechseln ist also ziemlich gering, sollte es mir passieren, dass ich sechs Prozent des vor mir stehenden Kaffees verschütte – nun, zumindest würde ich ungern von einem „Strom“ sprechen. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass die Anzahl der Menschen die (gezwungen sind zu) migrieren nicht beträchtlich ist. Ebensowenig wie die Zahl der im Mittelmeer ertrunkenen Boat People: seit 1992 schätzungsweise weit über 10.000. (Eine Zahl, die medial Beachtung findet, eher in dem Zusammenhang, dass etwa diese Summe in Euro den Passagieren der etwa hundert Meter weiter gesunkenen Costa Concordia als Entschädigung für die Strapazen gezahlt wird. Sie mussten teilweise mit dem Bus nach Hause fahren.)

… dem niemals fiel das Wandern ein …

Die Auffassung, Wanderungen würden vorwiegend aus wirtschaftlichen Motiven stets von Arm nach Reich stattfinden, als machten sich die, die nichts haben auf in die Paradiese der Welt, angezogen wie von einem Magneten, um vor Ort den Ureinwohnern den Kuchen streitig zu machen, ist grundsätzlich falsch. Migration ist immer gesteuert. Und die Ärmsten der Armen haben überhaupt nicht die Mittel zum Wandern, demnach sind es eher junge, durchschnittlich gebildete/qualifizierte Menschen, die sich auf den Weg machen. Die Boot-ist-voll-Fotos mit Scharen junger Männer auf den Zeitungsseiten, die das Papier nicht wert sind, per se Mittel zum rassistischen Zweck, aber auch schon allein deshalb vollkommen unsachgemäß, weil der erhebliche Anteil von migrierenden Frauen, die in den westlichen Industrienationen als Dienstbotin gebraucht werden1, mißachtet wird.

Für einen Professor Dr. Klaus Bade spielt die angesprochene Qualifikation insofern eine Rolle, dass Deutschland „jahrzehntelang […] einen organisierten Unterschichtenimport betrieben“ hat.2 Dass in genau umgekehrt gelagerter Problematik als von derartiger menschenverachtenden Abschottungsrethorik nahegelegt, die Auswirkungen auf das Einwanderungsland wirtschaftlich und kulturell positiv zu bewerten sind und eben die Länder, aus denen ausgewandert wird mit den Folgen zu kämpfen haben (sog. brain drain), muss ihn wohl nicht kümmern. Oder hatte er etwas anderes im Sinn? Sofern man aufgrund sprachlicher Inkompetenz auf flexible Pauschalen wie „Unterschicht“ angewiesen ist, müsste man zumindest dahinter gekommen sein, dass diese vor Ort produziert wird. Das wäre ein Verständnis der Migration als kapitalistisches Wertschöpfungssystem.

Kann man so formulieren: Der kapitalistische Akkumulationsprozess als Triebfeder geriert ein „labor supply system“ (Sassen 1988),3 in dem Menschen dahin gelenkt werden, wo ihre Ausbeutung am rentabelsten ist. Hinter der Arbeitsmigration steht ein schlichtes Weltmarktkalkül über human resources. Die Nachfrage nach zugewanderter Arbeitskraft produziert auf diese Weise unterschiedliche Formen von Zuwanderung, als permanente oder temporäre Arbeitsmigration, Transitmigration, Pendel-, Ketten- und saisonale Wanderschaft. Entscheidend an dieser Stelle ist, dass diese Art der Migration nicht quasi gesetzmäßig entsteht, sondern initiiert und gesteuert ist. Der Markt organisiert die Bewegung.

Auch Verfolgung als Motivation der Bewegung (lässig definiert nach der GFK aufgrund von Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politischer Überzeugung) ist hier nicht klar abgrenzbar. Die pathetischen Phrasen der Welt ohne Grenzen betrifft vor allem das Geld. Der politische und wirtschaftliche Nutzen, Flüchtlinge in anderen Ländern zu produzieren, in dem man das Leben dort durch Ausbeutung unmöglich macht, gleichzeitig bedrohliche Flüchtlingsströme zu fantasieren und mit Frontex und Co tödliche Grenzen zu errichten, um Menschenmaterial zu sortieren, ist enorm. Die rethorische Umwertung des Themas in den letzten Jahren beachtlich. Mit dem Verweis, dass die Hürden der Fortbewegung im Vergleich zu früher deutlich gesunken sind, wird Migration in der Forschung auch als „Begleiterscheinung“ der Globalisierung betrachtet. Die Hürden gelten dabei längst nicht für alle Menschen. Etwaige Rechtsanwälte oder Manager sind von keinerlei Hürden betroffen. Inwiefern für unerwünscht migrierende Menschen die Hürden gesunken sind, muss eingeschätzt werden, in dem man die gestiegenen Möglichkeiten der Fortbewegung zum Beispiel der Wahrscheinlichkeit im Meer zu ertrinken, weil Frontex-Söldner die Weiterfahrt verweigern, gegenüberstellt.

Und der verkiffte Soundmaster dreht die Platte mit dem Lied von den „qualifizierten Fachkräften“ einfach immer lauter, bis man von einer Grundmelodie nichts mehr hört: dem Recht auf Selbstbestimmung, konkret die Anerkennung der persönlichen Migrationsentscheidung (im Sinne einer Entviktimisierung und) als zielgerichtetes Handeln und Recht des Individuums, sich fortzubewegen. Hier knüpft der Protest der Flüchtlingskarawane auch als schlichte Inanspruchnahme von Recht an. Residenzpflicht ist nur ein Euphemismus für Freiheitsberaubung, Xenophobie eine Strategie und ein Hirnschaden, Arbeitsmigration ist workflow. Der Bayernkurier tobt, seine Eltern sind Geschwister.

 

1Altvater/Mahnkopf: Grenzen der Globalisierung, Münster 1997, S. 330 ff.

2FAZ, 16.01.08

3Vgl.: Husa/Parnreiter/Stacher: Internationale Migration, F/a.M. 2000; S. 14

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