24 krank

Der grippale Infekt heißt „Erkältung“, in Österreich auch „Verkühlung“, eine akute Infektion der Nasenschleimhäute einschließlich Nebenhöhlen, Hals und Bronchien, häufig von Rhino-, Entero-, Corona-, Mastadeno- und der Familie der Paramyxoviridae-viren verursacht. Schon die Römer vermuteten einen Zusammenhang von Kälte und Erkältung. So ungefähr Wiki. Die körperliche Malaise kann eine seelische Genugtuung sein: („Fließband musst du mal aufs Klo, oder warum rennst du so?“ – Blubberbum) = endlich im Bett bleiben, Kraft schöpfen. Lesen. Ach, Moby Dick!! Aber diese Kopfschmerzen! Langeweile genießen. Langeweile beobachten. Langeweile ertragen. Langeweile verfluchen. Fernseher an. Irgendwas, scheißegal was. Aber da läuft noch viel schlimmerer Rotz als aus der Nase.

„Kannst du mir noch einen Ingwertee machen und eine Serie ausleihen?“

„Was denn für eine Serie?“

„Total egal. Fünf Staffeln 24.“

Dabei ist es schon elf Jahre her, dass die faschistoide Folterserie „24“, kurz nach den Anschlägen auf das WTC, auf den Schirm kam. Gutes Timing war das. Und die Serie war extrem spannend. Mittlerweile ist sie ein zeitgeschichtliches Dokument der paranoiden, selbstgefälligen und menschenverachtenden Politik der US-Administration von damals bis heute, ebenso unterhaltsam und sehenswert wie durch Wiederholung und dramatische Pseudo-Steigerung ad absurdum geführt und nicht auszuhalten. Bemerkenswert, wie sich das A-Team der Adoleszenz gewandelt hatte.

Der zugehörige Kinofilm war geplant, allerdings wurde der Drehstart für 2012 gestoppt, unter anderem weil Kiefer Sutherland lieber 3 als 2 Mio. Dollar Gage wollte, was durchaus verständlich ist, wenn man ununterbrochen geschlagen, getreten, gewürgt, angeschossen, aufgeschlitzt, usw. usf. wird und trotzdem am Ende der Staffel noch frisch wie der Frühling aussehen soll. Dass der innovative Clou, nämlich das Konzept, 24 Stunden in Echtzeit (erzählte Zeit gleich Erzählzeit) zu verfilmen und über Splitscreens die sechs Handlungsstränge zu komponieren, auf Kinofilmlänge heruntergebracht die Extraportion Milch, nämlich 24 = 1,5 = irgendein Actionthriller mit Jack kalter Bauer, bzw. Unterkiefer Old Sutherland ist, automatisch zerstört wird, störte wohl weniger als Jack Sutherlands Gehaltsvorstellungen. Dabei ist ein Kinofilm durchaus einleuchtend, denn mit der neuesten Dramaturgie-Software kann die Bourne-Identity mit Folter-Jack durchaus zum Kassenschlager werden. Höchstwahrscheilich wäre dieses konzeptverachtende Kinoereignis gewinnbrigender als sämtliche letzten Staffeln der Serie, zumindest für das Publikum, welches später die krassesten Stunts beim Double-Cheese-with-Bacon bespricht.

Die Serie 24 hatte sich ja sowieso obsolet gemacht: 24 Stunden sind 1 Tag und die Serie ist tatsächlich eine Art Eintagsfliege. Sie funktioniert wunderbar, für einen (erzählten, resp. erkälteten) Tag. Für Dramaturgen und Script Controller ist die Serie eine brillante Schema-F-Anleitung des Storytellings, darf in keiner Kaderschmiede mehr fehlen: die klaren, starken Motive, die auf Wendung bedachte Entwicklung der Characters, 6 Sub-Plots in einer Storyline, die ständigen Hooks und Points of Attack, zuverlässige Cliffhanger, Time Locks en Masse, bzw. als Prinzip, Human-Factor, die SplitScreens, usw. Alle Register werden gezogen, alle Anleitungen befolgt – als wäre die Serie nur dafür da, den Filmhochschulabsolventen zu beweisen, dass die favorisierten Lehrbücher ihrer Professoren recht haben. Darin gibt es keine Abweichung, es gibt kein Spiel damit, keine Innovation, keinen Bluff, wie zum Beispiel im ersten Scream-Film, es gibt nur die anti-innovativen, archaischen Funktionselemente des Erzählens, die immer einleuchten. Die innovative Idee von 24 wird anti-innovativ durchgeführt. Das ist durchaus genial. Jack Bauer steht für die Sicherheit der USA, das Storytelling von 24 ist die exemplarische Sicherheitsarchitektur der Dramaturgie, es ist im Grunde ein administrativ durchgeführtes Beamten-Drama. Dazu die wackelige, spooky Kameraführung über die Schulter/hinter der Tür/usf. Und das luxuriöse Set. Voila. Und die erste Season der Soap war doch wirklich ein Vergnügen. Eben auch gerade wegen der prolligen Ausführungen und Anlehnungen, dem Trash-Anteil, dem offensichtlichen, verabscheuungswürdigen, dahinterstehenden State of Mind.

24 setzt sich über Redundanz einfach hinweg. Schlicht und einfach alles, außer den Namen der Characters und der Bomben, wird stupide wiederholt. Es gibt keine einzige Variation, nicht die geringste Abweichung, nicht eine Spur von überhaupt geringfügigster Abwechslung. Es scheint, als hätten die Produzenten nicht einmal im Sinn gehabt, die Serie weiterzuführen. Das immergleiche Prinzip sieben Staffeln lang zu wiederholen grenzt an Frechheit. Es geht immer so: Jack Bauer ist eigentlich gerade inactive oder verschleppt oder sauer oder tot oder anderweitig verhindert. Dann gibt es einen Anschlag und die CTU (gemeint ist nicht die Technische Universität von Prag, sonder die „Counter Terrorist Unit“) braucht seine Hilfe. Bauer findet und foltert den Terroristen, muss dabei selber Federn lassen, dann ist alles wieder gut und plötzlich stellt sich heraus, dass es dahinter noch einen viel schlimmeren Terroristen gibt, aber – Jack Bauer ist eigentlich gerade inactive oder verschleppt oder sauer oder tot oder anderweitig verhindert. Dann gibt es einen Anschlag und die CTU (gemeint ist nicht die Technische Universität von Prag, sonder die „Counter Terrorist Unit“) braucht seine Hilfe. Bauer findet und foltert den Terrorist, muss dabei selber Federn lassen, dann ist alles wieder gut und plötzlich stellt sich heraus, dass es dahinter noch einen viel schlimmeren Terroristen gibt, aber – etc. Dieser ständig wiederholte Aufbau ist für den Zuschauer die reinste Folter und es ist nicht wahrscheinlich, dass die Folter des Rezipienten konzeptuell die Thematik des Folterns in der Serie sophisticated widerspiegeln soll. Ein Wunder, dass die DVDs beschriftet sind, die Reihenfolge ist vollkommen gleichgültig.

Slavoj Žižek erkannte in den depraved heroes of 24 die Himmlers of Hollywood.  Copy that, aber das ist ebenso richtig wie uninterressant. Laut Berichten ließen sich durchgeknallte GI’s (was ein Pleonasmus ist) von Jack Bauer inspirieren. Setzt man sich mit Joel Surnows politischer Einstellung auseinander, wird schnell klar, dass der Einsatz der Darstellung der Folter keine rein dramaturgischen Gründe gehabt hat. Als Rezipient ist mir das so egal, wie mir die Kugel des Cowboys, die die Rothaut erwischt, im Western egal ist. Fakt ist, dass sich die gesamte Serie selbst unerträglich macht. Sie wird zum Fake, was wohl hauptsächlich daran liegt, dass sie von absoluter Humorlosigkeit gekennzeichnet ist. In dem Moment, in dem man entdeckt, dass diese Serie als ernstes Anliegen gedacht ist, ist sie unglaublich komisch und depremierend zugleich. Es hätte ja gar kein ausgefeilter, subtiler Humor sein müssen. Ein paar Tipps von Ben Stiller, thats all.

Dunkel. Split-Screen: Ein weiß-oranges Meer vor mir, Taschentücher und Mandarinenschalen. Teekanne ohne Patina. Die blaue Kappe vom Nasenspray rollt davon. Die CTU meldet einen Angriff auf die rechte Mandel. Jack wurde von einer Gruppe maskierter Corona-Viren in meinem Mittelohr gefangen genommen. Tony kann ihm nicht helfen, er versucht herauszukriegen, wer hinter der Schwellung der Nasenschleimhaut steckt und dem Präsidenten kann man zur Zeit nicht trauen. Wir haben noch ungefähr eine dreiviertel Stunde. Wenn Jack bis dahin nicht wieder auftaucht, bleibt uns keine andere Wahl: die Nasendusche steht schon bereit.

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