Entropie 1

Die Geschichte handelt von Tim Brause und Karli Anton. Beide wohnen in Berlin, aber da einander unbekannt, nähmen sie wohl keine Notiz, sollten sie sich über den Weg laufen. Im Allgemeinen kreuzen sich Wege wohl auch nicht öfter, als dass sie parallel zueinander verlaufen.

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Tim Brause geht irgendeine Straße entlang, die Hände in den Jackentaschen, denn es ist kalt, die Zigarette im Mund, denn er raucht. Er raucht ständig. Er schlurft ständig. Ausgelatschte, kaputte Chucks über löchrigen Norweger-Strümpfen über Tennis-Socken über kalten Füßen, man gewöhnt sich dran. Schlurf, schlurf. Mit Schuhgröße 47 hat er zwar durchaus große Füße, aber bei 1,94 m Körpergröße stimmt die Proportion im Grunde. Schlurf.

„Pass doch auf, du Idiot!“

Es ist erst vier Uhr und dämmert bereits, eigentlich merkt man das weniger daran, dass das Grau der Tage zu Dunkelgrau wird, sondern eher daran, dass vermehrt die Lichter in den Häusern und an den Autos angehen. Tim schlurft weiter die Straße entlang, vorbei an einem kleinen Friedhof mit dem Schild „Dies ist eine Ruhestätte und kein geeigneter Park für Kindergeburtstage„, vorbei an einer überdachten Straßenbahnhaltestelle (immer gut, wenn man Sachen überdenkt, denkt Tim), er hat nichts weiter vor, das ist sein Los, bis zur nächsten Kreuzung, dann bleibt er unentschlossen stehen. Keinen Appetit auf Fast Food, nichts zu kopieren, Kneipe geschlossen und auf der vierten Ecke ein Cafe. Das ist allemal besser, als sich von einem blitzschnellen Fahrradkurier über den Haufen fahren zu lassen.

Das Cafe hat eine absurde Form. Im Winter hängt der typische, rote Vorhang vor der Eingangstür, vis a vis der lange Tresen, nach einigen Tischchen in linker Richtung folgen Stufen, führend in ein Hochparterre mit weiteren Tischchen, nach einigen Tischchen in rechter Richtung folgen ebenfalls Stufen in ein Hochparterre mit weiteren Tischchen, erinnert Tim das Cafe also im Prinzip an eine Half-Pipe, treffender wäre Arena, wer sich denn nicht automatisch einen oberen Tisch links oder rechts aussucht, wenn er die Wahl hat, fragt sich Tim. Nicht zuletzt auch, weil dort die Fenster nicht vom Boden bis zur Decke reichen. Alles andere ist rein gar nicht absurd, klassisch, Holzfußboden, Holztische mit Kerze darauf, Karte in beige, Zeitungen im Zeitungsstock an der Wand, Schirmständer, Kuchenvitrine, angenehmes, unauffälliges Licht, Schnapsregal mit Spiegel, sehr laute Espressomaschine, softe Musik im Hintergrund. Tim fummelt sich aus seiner zerschlissenen Lederjacke, was nicht nur deshalb schwierig ist, weil sie tendenziell zu klein ist, sondern auch, weil das Innenfutter mittlerweile fast vollkommen zerfetzt, aber genau so gehört sie ja zum Style. Er pustet die Kerze auf seinem Tisch aus, bestellt einen Kaffee, starrt vor sich hin und wird traurig. Die Kellnerin ist eher aufgedreht, stellt ihm den Kaffee vor die Nase und tanzt davon und als Tim das kleine Milbona-Kaffeesahne-Döschen aufreißt und den Inhalt langsam in seinem heißen Kaffee verschwinden läßt, wird er noch trauriger.

Es ist eh ein sinnloses Vergnügen Kaffee in einem Cafe zu trinken, indem man nicht Rauchen darf. Pfeffermühlenverbot im Steak-House, nimmt Tim den Kaffee mit nach draußen in die Kälte und zündet sich eine an. Direkt vor dem Cafe steht eine Litfaß-Säule mit Ice-Age-4-Kinowerbung. Durchaus kurios, wer hätte je gedacht, dass Litfaßsäulen Telefonzellen überleben. Er blickt ziellos über die Kreuzung, ist nicht viel los. Eine Krähe auf einem Autodach. Ein fetter SUV kommt um die Ecke, gaanz langsam, damit alle ihn sehen. Der Kombi dagegen viel zu schnell. Gegenüber ein marschierendes Finkind, dahinter der vollbärtige Vater. Aus dem Copy-Shop tritt eine zerzauste Frau, wie sollte es anders sein: sie hat einen großen Stapel Papiere in der Hand. Dann sind plötzlich alle wieder weg. Nur kommt ein erkennbar verliebtes Pärchen die Straße entlang getrottet, die Frau blickt ihn an und dann über ihn und plötzlich stellt sich blankes Entsetzen in ihr Gesicht, sie schreit laut auf und Tim hört genau hinter sich einen sehr lauten, dumpfen Schlag. Beide, die Frau und der Mann haben sich die Hand vor den Mund geschlagen, starren in seine Richtung und sind kreidebleich. Ein Mann springt auf der anderen Seite der Kreuzung aus dem Fast-Food-Laden und bleibt ebenfalls wie angewurzelt stehen. Tim dreht sich auf der Stelle um und das Blut gefriert ihm in den Adern, ein gewaltiger Adrenalinstoß drischt durch seinen Körper. Ungefähr anderthalb Meter vor ihm liegt einer. Seltsam verrenkt. Tim taumelt benommen einen Schritt rückwärts, wie in Zeitlupe. Langsam bildet sich eine dunkle Laache unter dem Typen, der platt wie eine Flunder auf den Platten liegt. Jetzt kommen Leute angerannt, laute Rufe, usw., aber so richtig kriegt Tim das eigentlich nicht mit, weil er kotzt.

 

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