Verhalten sie sich nachts ruhig!

Es gibt umwerfende Kinderliteratur, wie zum Beispiel „Die drei Räuber“ von Tomi Ungerer, ein Buch, welches auch noch grandios von Hayo Freitag auf Film gebracht wurde. Es gibt auch „Conni backt Pizza“, „Conni lernt Fahrrad fahren“ oder „Conni macht ihre Steuererklärung“ und solches Zeug. Die Spanne ist weit.

Bei Literatur über Kinder sieht es erstaunlicher Weise ganz anders aus, diese Spanne ist eng, die Literatur grundsätzlich engstirnig, die gesamte Sparte ausschließlich von hochgradigem Schwachsinn gekennzeichnet.  Es ist doch ein Schlüssel für die Verfassung der Gesellschaft, die man zuweilen mit „faschistoider Verkommenheit“ durchaus trefflich beschreiben kann. Es handelt sich hier um Bücher, in denen Vollidioten Vollidioten erklären, wie sie zukünftiges Vollidiotentum gewährleisten können. Eine antiemanzipatorische, verkappt autoritäre Programmierung, die sich geschickt eingräbt, obwohl so ungeschickt, da scheint es an ein Wunder zu grenzen, dass es Menschen überhaupt noch gibt, wenn die so etwas lesen. Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, sicherlich nicht in den Kinderzimmern dieser Welt, liegt denen eine zugrunde, wie sie in diesen Büchern zu finden ist. Diese schamlosen Ansammlungen von Pseudo-Tipps, die auf ein verklemmtes Korsett von Lebens(wahn-)vorstellungen rückschließen lassen, sind so schlicht und umfassend durchdrungen von hemmungsloser Idiotie.

Verhalten Sie sich nachts ruhig, sprechen sie möglichst wenig.

Mal angenommen, man würde nachts nicht schlafen, sondern sehr viel sprechen. Dem Baby wäre das so dermaßen egal. Ungefähr so egal wie die Lautstärke, die es in etlichen Cafes oder gar auf Parties umgibt, wenn es mitten im Trubel seelenruhig schläft. Dieser Ratschlag ist nicht nur blödsinnig naheliegend, sondern auch noch falsch. Er ist sogar gehässig, denn er zielt darauf ab, dass unerfahrene, sowieso in ihrer Freiheit eingeschränkte Eltern abends, wenn das Baby endlich Ruhe gibt, nur noch verängstigt durch die Wohnung schleichen. Ein Rat aus „Die ersten Wochen mit dem Baby“ aus der bedrohlich klingenden Reihe „Mit Kindern Leben“. Auf der Vorderseite des Buches tatsächlich der Hinweis „Schneller Zugriff mit System“. Auf einem Buch, herrgottnochmal. Falls die Frage auf dem Cover „Wann hört das Schreien auf?“ an den Leser gerichtet ist – erst nach der Lektüre.

Oder aber ein PEKiP-Buch, welches stinknormale, natürliche und vor allem automatische Bewegungsabläufe wie das Hochheben des Babys als entwicklungsfördernde PEKiP-Übung anpreist. Bücher mit „einfühlsamen Rat“ und/oder Service-Teil. Und dann kommen Mahrenholtz und Parisi vorbei und knallen einem ein Buch in so ekelerregender Aufmachung vor den schon längst vollgekotzten Latz, sexistische Kackscheiße mit „Hot-Spots“ und „Dos“, wie zum Beispiel „Nochmal zum Friseur“ oder „Für Männer: Mindestens einmal am Tag sagen, dass sie toll aussieht“, wenn sie aussieht wie Ismaels schwimmender Kontrahent. Einfach bescheuert, „Oje, ich wachse!“ von Hetty van de Rijt und Frans Plooij, die sich an imaginierten Sprüngen abarbeiten, den elementarsten Sprung aber selber haben. Der schwachsinnige Titel ist hervorragend gewählt, beschreibt er den infantilen und überflüssigen Inhalt des Buches exakt. Man kann Fotos einkleben und Sachen eintragen, als wäre das Buch gar nicht an Erwachsene gerichtet. Es gibt in diesem Buch unter anderem den Hinweis, dass das Kind mit knapp 15 Monaten von Bällen, Bilderbüchern oder der Sandkiste fasziniert ist.

Es ist gräßlich, diese Bücher in den Händen gehalten zu haben. Der Ratschlag, sich grundsätzlich von derartiger Literatur fernzuhalten, wäre sicherlich vertretbar. Pädagogik ähnelt per se den Wirtschaftswissenschaften wie diese der Esoterik. In Sprache und Inhalt intellektuell auf dem Horizont ihres Gegenstandes sind diese Bücher eben aber auch Hinweis, was für Leute durch die Straßen rennen, eventuell Tür an Tür mit einem wohnen. Das ist äußerst beunruhigend.

Die viel gerühmte intuitive Erziehung ist vielleicht auch nicht unbedingt die Beste, solange die Intuition des Erziehenden selbst über einen langen Zeitraum von autoritären Mustern geprägt wurde. Die vermeintlich liebevollen, gutgemeinten Ratgeber sind allerdings modernisierte Flankierungen bösartiger Erziehungs-Bibeln, die vielleicht in ihren Methoden, nicht aber in ihrer Intention einem Wandel unterlagen. Zugegeben, so beeindruckende Stellen, wie Alice Miller ausgegraben hat –

Dann prügelt ihn, dann lasst ihn schrein: Nein, nein, Papa, neine nein! Denn ein solcher Ungehorsam ist ebensogut, als eine Kriegserklärung gegen eure Person. Euer Sohn will euch die Herrschaft rauben, und ihr seid befugt, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben […](zit. nach: Alice Miller: Am Anfang war Erziehung, FaM 1980, S. 28f)

findet man in der zeitgenössischen Literatur wohl nicht. Die Schwachsinnigkeit, die einem aus den Büchern entgegenstürzt ist aber ein Hinweis auf den geistigen Zustand der Autoren und auf  die zugrundeliegende, respektlose Annahme, den Leser als wirres und verantwortungsloses Individuum ansprechen zu können, welches anscheinend in der Lage ist zu lesen, aber nicht zu denken. Eine Ansprache die kaputt ist und macht. Die von den etlichen Ratgebern geschädigten Helicopter-Eltern versauen sich ihr Leben wie ihre Kinder und vermitteln an diese ihre Störung weiter, bis der Kreis sich schließt.

 

 

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