Gespräch mit einem Freund über ein Essay über Gott

Wir spazierten den ganzen Tag durch Hamburg. Es war ein fantastischer Ausflug, die Sonne schien, der Wind wehte, ohne Ziel ließen wir uns treiben und sprachen über dieses und jenes, über Gott und die Welt und schließlich über Gott und die Welt. Denn ich berichtete meinem Bekannten, dass ich vor Kurzem ein Essay über Gott angefangen hatte, in dem ich jedoch zu keinem rechten Schluss gekommen war. Wenn man so lange so eng befreundet ist, kann man jederzeit aneinander anknüpfen. Man braucht keine Umschweife und auch darum waren unsere beiläufigen Gespräche nur im spazierenden Sinne beiläufig. Natürlich brauchten wir uns nicht darüber verständigen, dass wir von den naiven Vorstellungen eines Gottes nicht viel hielten. Und wir mussten uns ebensowenig unserer kirchenkritischen, antireligiösen Einstellung versichern. Mit einem vorzüglichen Fischbrötchen in der Hand wandten wir uns umgehend der Frage zu, ob wir der Idee zustimmen könnten, dass das Leben mehr als die Summe der einzelnen Teile sei und ob wir dann bereit wären, diese Idee irgendwie zu benennen.

Ein Bild, welches doch vielleicht nur eine Ansammlung von Graphitabrieben ist, kann eine Wirkung auf den Rezipienten haben, die mit der wie auch immer gearteten Verteilung von Graphit nicht zu erklären ist. Dieses Bild kann einen in der Tiefe berühren und Ergriffenheit bis Schwindel evozieren, so dass der Künstler etwas geschaffen hat, was eigentlich nicht da sein kann. Ein Choral, etwa das Kyrie aus Mozarts unvollendetem Requiem, kann, wenn man es nicht nur als nervtötend weihnachtlich empfindet, so unfassbar berührend sein, dass es schlicht und einfach unzureichend wäre, zu behaupten, da sängen mehrere Leute zusammen ein Lied. Insofern ist das Ergebnis des Zusammensingens mehr als das Zusammensingen und dieser Moment ist erhaben oder erfüllend, vielleicht geradezu erleuchtend. Warum also nicht göttlich oder von uns aus „von-mir-aus-göttlich“? Und wenn man bereit ist, dieses Mehr als die Summe des Wasauchimmer zu etwas Bedeutsamen zu erklären, dann sollte einem doch auch kein Zacken aus der Krone fallen, das „göttlich“ zu nennen, wenn einem danach ist, wenn man so will. Ebenso gibt es Momente, die eine derartige Brisanz entfalten, Begegnungen, deren Elektrizität sprichwörtlich ist und Verkettungen von Umständen, deren puzzlehaftes Aufgehen in etwas Anderem so überwältigend ist, dass das Bild der Finger eines Gottes, die im Spiel sind, derart sinnstiftend, treffend oder charmant ist, dass es blamabel wäre, zu cool sein zu müssen, um von Gott sprechen zu können. Das schlichte Benennen steht ja in jedem Fall erstmal nicht zwingend im Verhältnis zur Idee, wir wollten uns nicht darüber verständigen, wie wir etwas benennen, sondern dass wir etwas benennen und dass das Sprechen von Gott in diesem Fall ebenso beliebig wie legitim sein kann.

Dann aber, kamen wir überein, wäre das doch eine fast ästhetische Konzeption Gottes. Vielleicht eine zutiefst antireligiöse Vorstellung. Denn das Mehr an Wasauchimmer orientiert sich primär an der Schönheit einer Sache und ist deshalb noch lange nicht spirituell (geschweige denn moralisch aufgeladen). Eben. Könnte die Schönheit einer Sache deshalb als göttlich reinknallen, weil sie einfach überdosiert ist? War die Skala der Empfindungen grundsätzlich limitiert und Gott also ein Schönheits-Peak? Denn, mit all den anderen Implikationen der Gläubigkeit konnten wir ja nichts, oder – genauer – viel zu wenig anfangen. Ja, uns ging es schon seit wir den Brooktorkai herunterspaziert waren vordergründig um die Unbegreiflichkeit der Schönheit einer Sache, oder, pathetisch formuliert, den gewaltigen Ausdruck des Lebens, das war es, was uns interessierte. Da war kein Kreuz im Spiel, kein Pfaffe in Sicht und keine Jungfrau am Start. Und so einigten mein Freund und ich uns darauf, dass unsere Vorstellung von Gott eine vermutlich für weite Teile der Gläubigenschaft nahezu ketzerische Auffassung sein müsse, während deren Vorstellung von Gott für uns wiederum eine eher reaktionäre bis infantile Auffassung war. Unter dem Strich aber sei für jene wie für uns beide gewiss, dass Gott – im Gegenteil zum Punk – nicht tot sei. Mit dieser Schlussfolgerung zufrieden, im Gefühl der Sache in nuce gerecht geworden zu sein, wandten wir uns einem neuen Thema zu und bestellten uns am Rande des Gesprächs und der Außenalster Kaffee und Apfelstrudel.

Am darauffolgenden Tag, zurück in Berlin, kramte ich mein unvollendetes Essay wieder hervor.

„Gott? Für jene die glauben könnnen sicherlich, doch für mich in keinem Fall. Zu esoterisch, zu verwerflich die üblichen Konzeptionen. Die Geschichte der Religionen, die der Kirchen, die der Verbrechen im Namen des Herrn – allein die Sprache – Gründe genug, sich von jeglichen diesbezüglichen Vorstellungen abzuwenden. Vieles ist zu schlicht, auch zu absurd. Und last but not least die Geistlichen, wie sie stets bemüht waren, ihre Idee mit patriarchalen und machtgeilen Bestrebungen zu verschütten. Wo sind denn die soccer moms Jesu, die laut Überlieferung eine äußerst bedeutende Rolle gespielt haben sollen und im Laufe der Zeit kurzerhand aus dem Drehbuch gestrichen wurden? Das ist so billig, herrje!

Und trotzdem diese Spannung! Zuverlässig taucht die Frage nach Gott immer wieder auf. Ob ungläubig oder agnostisch, die Frage ist und bleibt interessant wie schwammig. Ob er tot ist oder nicht! Ob er lebt oder nicht! Oder doch! Oder beides!

Vielleicht geht es in der ganzen Sache immer nur um irgendeinen Trost?“

Hier hatte ich eben jene Abgrenzung vorangestellt, die ich meinem Freund gegenüber nicht nötig gehabt hatte. Eine Beschreibung meiner tiefsitzenden Aversion gegenüber Kirche, Gläubigkeit und Religionen. Aber ich hatte auch jene Frage gestellt, die wir in unserem Hamburger Gespräch nicht annähernd erläutert hatten. Umgehend griff ich zum Telefon und rief meinen Freund an. Wir debattierten lange und ausgiebig. Und schließlich hörte ich meinen Freund am anderen Ende der Leitung schmunzeln.

„Die meisten Menschen können nicht richtig beobachten oder sind verklemmt oder beides. Und dann sind sie eben so endless geil auf Geschichten. Das ist das Problem. Wenn Gott ihnen Trost gibt, na – ist doch schön! Das hat dann aber nichts mit Gott zu tun.“

Auch wenn seine Analyse irgendwie arg komprimiert erschien – mein Freund hatte zutiefst recht! Er war damit exakt am grundsätzlichen Problem des Menschsein angelangt und das war doch eine wirklich bedeutsame Leistung. Es bewies, dass mein Freund und ich doch sehr viel mehr Ahnung von Gott hatten, als all jene engstirnigen Die-Gedanken-sind-frei-singenden Kirchenmäuse. Die wissen gar nicht, worüber sie reden. Und das ist wirklich bedauerlich: Obwohl wir im Besitz der Wahrheit sind, obliegt die Hermeneutik auf diesem Terrain den Idioten und wir sind gezwungen – allein schon aufgrund der zahlenmäßigen Unterlegenheit – ihnen das Feld zu überlassen. Dabei liegt es nun auf der Hand: Gott existiert als ästhetisches Anliegen und als Gesprächsthema während eines Spaziergangs. Es ist eine fantastische Idee, aber eine schöne. Als Hinwendungsangebot hat Gott versagt, die Gläubigen reden und reden und haben nie überzeugt, seit Jahrhunderten ist die Welt im Namen Gottes höchstens so viel besser geworden, wie sie in seinem Namen schlechter gemacht wurde, wenn überhaupt. Und Lars von Trier oder David Lynch können vielleicht einen sperrig-unterhaltsamen Film darüber machen und – wie Felix ja schon sagte: Der Trost sei ihnen doch gegönnt! Aber der hat mit Gott rein gar nichts zu tun. Auch hier gab unser Gespräch in Hamburg uns recht: Ästhetik bleibt Ästhetik, ob hohl oder göttlich. Die Gläubigen knüpfen an an diese Ästhetik ihr Verhaltenskorsett, lesen ihre Moral in das Pinup hinein und flankieren es mit Bestrafungskatalogen, aber das macht keinen Sinn, man kann es ohne Probleme voneinander getrennt behandeln. Und so ist es doch ein bemerkenswerter Irrtum, aus der Ergriffenheit vom Leben eine auf hanebüchenen Geschichten beruhende Handlungsempfehlung abzuleiten, anstatt einfach mal ergriffen zu bleiben. Denn diesen Gott würden mein Freund und ich – ob in Hamburg oder anderswo – jederzeit bestätigen. Dann wäre Gott eine Idee der Ästhetik, die genau das erwirkt, was Gott auch nachgesagt wird: Sie lehrt das Leben zu schätzen, sie verleiht Orientierung, sie ist so oder so schön. In Hamburg und anderswo.

Leave a Reply