die stadt.

Die Stadt ist bei allen außerordentlich beliebt. Die Leute rennen herbei und rufen: „Hach, was für eine herrliche Stadt!“ Sie bescheinigen ihr eine beeindruckende, eine sagenhafte Metropole zu sein. Tägliche Touristenströme beziffern die weitreichende Bedeutung und die Bewohner bekunden in Gesten ihren Stolz, sprechen von kaum anderem. Was heißt „Bewohner“ – diese Stadt wird nicht bewohnt, sie wird bespielt! Es ist ja nicht irgendeine Stadt. Für alle ist es ja die Stadt. „Es ist die Stadt“, diese unmißverständliche Benotung qua Betonung kann man so häufig hören, so vehement, mit einem „die“, als hätte der Gesprächspartner zuvor versehentlich einen falschen Artikel benutzt, als hätte er versehentlich behauptet, es sei der Stadt – nein, nein, es ist die Stadt, dessen müssen sich alle sicher sein! Sie ist jene Stadt, in der man seine Freiheit noch leben darf, die Insel der Weltoffenheit, wenn nicht ein Paradies der Möglichkeiten und ein Eldorado. Und ebenso diese Stadt, in der alles seine Ordnung hat. Mit den gemütlichen Ecken und den Arrangements für aufregende Momente. In der man seinen Traum leben und nur an dieser Stelle sein Leben erträumen oder beides oder eine Postkarte mit diesem Bonmot erwerben kann. Eine große, großartige, großzügige, grandiose Stadt. Eine geschichtsträchtige Stadt mit sehensreichen Zahlungswürdigkeiten und prächtigen Bauten sowie eine politische Stadt mit honorigen Entscheidungsträgern mit extrem dicken Eiern an jeder zweiten Straßenecke sowie eine hedonistische Stadt mit Ausschweifungen aller Güte sowie eine kulinarische Hochburg sowie eine Subhochkulturstätte, das haben Sie noch nicht gesehen! Eine Wahnsinns-City, die Wahnsinns-City.

In Wahrheit ist das – offensichtlich – vollkommen falsch. Absoluter Irrsinn, selbstverständlich. Es ist nicht nur eine begeisterte Zuspitzung, die der Realität nicht standhält, nicht nur eine Überladung der Begriffe, die dann doch nicht zutreffen. Diese neurotischen Bedeutungen der Stadt sind keine Benennungen dessen, was man hier vorfinden kann. Tatsächlich ist die Stadt eine grauenhafte, griesgrämige, vor allem – großkotzige Stadt! Eine Stadt voller Elend und Müll. Eine Stadt bis an die Oberkante mit Rücksichtslosigkeit und Brutalität gefüllt, in der man an jeder Ecke die Angst der Überlebenskämpfe riecht. Hektisch und gewalttätig, zynisch und verlogen. Verstaubte Straßen peitschen durch die heruntergekommenen Fluchten, verschimmelte Häuser drängeln sich durstig an den Gehsteigen und graugesichtige, an Nervosität und Beschämung erkrankte Menschen schummeln und schrumpeln sich ihrer Wege. Es ist dann ein irrwitziges Konglomerat städtischen Krempels, ein wirrer Haufen, von allem zuviel, unangenehm und störrisch und untröstlich. Menschenzermalmende Betriebsamkeit, asoziale Verschränkung allerhand Sinnlosem mit allerhand Spin, den niemand mehr erträgt, eine Suhle mit schroffen Abgründen mit leergefegten Rändern. Alte Sandwiches und andere Aversionen klatschen einem an die Schenkel, wenn man durch die Gassen wankt, gierige oder verhungernde – hier ist das ein und dasselbe – Hände zerren an der Schulter oder zumindest kommt es einem so vor und alle brüllen, taub vom Lärm oder blind vor Wut, ja, insofern ist es eine Wahnsinns-City. Die Wahnsinns-City.

Nehmen wir dies beides doch zusammen. Ich glaube, dann kommen wir der Sache recht nah.

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