post – gender? WTF!

Gerade lief mir ein Vortrag über den Weg, den ich vor mittlerweile sieben Jahren in einem OSI-Seminar bei Dagmar Vinz und Achim Brunnengräber hielt. Es handelt sich um einen groben „Stand der Debatte“ der feministischen Theorie/Kritik, angebunden an die Frage nach der Rolle in den IBez. Zwar bin ich nicht mehr ganz up-to-date, habe aber den Eindruck, dass sich an der Zustandsbeschreibung von damals nicht viel getan hat – eher im Gegenteil. Gerade der Postgender-Quark der Piraten oder die prollige Auseinandersetzung zwischen Schwarzer und Schröder zeigen eine Ignoranz gegenüber der Analyse, die ihresgleichen sucht. Da es sich um die flüchtige Transskription des Vortrags handelt, fehlen die Quellenangaben. Der studentische Duktus ist irgendwo zwischen ambitioniert und nervtötend. Trotzdem habe ich mich entschlossen, den Vortrag für die, die es interessiert, hier mal zu posten:

 

Zur Rolle feministischer Ansätze in den Politikwissenschaften

Ein grundlegender Irrtum in der allgemeinen Betrachtung feministischer Theorien liegt in der Annahme, es handle sich um eine ledigliche Erweiterung der politischen Auseinandersetzung um Geschlechterfragen oder gar um eine isolierte, Frauen bewegende Debatte. Der Einfluss feministischer Kritik auf die Politikwissenschaften bleibt entsprechend marginal.

Einige Autorinnen, zum Beispiel Finke und Harders, stellen zwar – mit Vorbehalt – einen erstmaligen Einzug von Geschlechterfragen in die internationalen Beziehungen fest. Im europäischen Raum wird Optimismus in Hinblick auf Frauenbewegungen und EU-Erweiterung gezeigt. Es gibt zunehmende Auseinandersetzungen mit Religionen (in Bezug auf den Islam oder in Deutschland auf Hitlerjunge Ratzingers antifeministisches Weltbild) und es gibt ebenso eine erneute und weiterführende Debatte um Cyberfeminism und Feminismus in der Politikwissenschaft sowie den dekonstruktivistischen Feminismus.

Andere betonen jedoch, dass feministische Positionen immer noch nicht relevant sind. Ariane Brensell erklärt, in Anbetracht des globalen, kriegerischen Neoliberalismus von gesellschaftlichen Veränderungen zu reden, wäre in etwa so, als könne man „Regenbogenaufkleber auf Autos als Indiz für eine ökologische Wende nehmen“. Gender mainstreaming wird von den vereinten Nationen, der Weltbank oder der EU als offizielle Strategie zwar anerkannt, trotzdem verhalten sich bis heute ein Großteil der Theorien und Akteure geschlechtsblind. Entsprechend hält Christa Wichterich feministische Ansätze, obwohl überall gegendert wird, für abgefrühstückt. Im Globalisierungsatlas von le mond diplomatique zeichnet sich in Hinblick auf Frauenrechte und politische Teilhabe ein düsteres Bild ab. Die öffentliche Aufmerksamkeit für die Frauenbewegung nimmt seit den 70ern stetig ab und selbst in der Linken ist die Diskussion zurzeit marginal, als wäre das Thema irgendwie erledigt. VOGUE ist eine Zeitschrift über Mode, Trends, Beauty und People.

Um welche Debatte zwischen den feministischen Theorien handelt es sich? Anhand von Finke kann man die Grundrisse gut nachvollziehen. Wenn man von einer groben Kategorisierung in positivistische und postpositivistische Ansätze ausgeht, so wie es Finke macht, kommt man zunächst zum konzeptionellen Problem der Kategoriebildung. In positivistischen Ansätzen stehen Frauen im Mittelpunkt der Analyse. Feminist empiricism sieht die Kategorie >Frau< als objektiv identifizierbar. Hauptanliegen ist es demnach Androzentrismus aufzudecken und Frauen in den Mainstream einzubinden. Das ergibt allerdings eine Konzeption der Kategorie Frau, die eine moderne, androzentrische Konstruktion gleichsam übernimmt. Die Verabsolutierung „typischer“ weiblicher Eigenschaften schreibt hierarchisierende Geschlechterdifferenzen fort. Das bedeutet, es gibt einen binären Rekurs auf eine imaginierte weibliche Friedfertigkeit. Dieser polarisierende Täter-Opfer-Diskurs hat viel Kritik geerntet. Zizek erkennt in dieser Konzeption eine strenge Homologie zum eklatant antifeministischen Mythos der Straßendirne, die ja eigentlich lieber eine sorgende Mutter wäre. Damit kritisiert er allerdings in erster Linie rein monokausale Stränge der Diskussion, die sicherlich zum Teil sehr dominant waren, zum Beispiel in den Interpretationen der Anschläge des 11. September als „Mackerkämpfe im Patriarchat“ oder der problematischen Solidarisierung mit afghanischen Frauen als Opfer des Islam. Aber es gibt natürlich auch differenziertere Stimmen im positivistischen Lager, wie zum Beispiel Enloe, Seifert, Yuval-Davis, die auf die wechselseitigen Konstruktionsverhältnisse von Geschlecht, Militär und Nation hinweisen. Darüber hinaus gibt es den Ansatz des standpoint feminism, der nicht von der Kategorie Frau ausgeht, sondern vielmehr die Vielfalt der Erfahrungen von Frauen in den Mittelpunkt rückt, weil eine feministische Theorie eben auch akzeptieren muss, dass Frauen sich mit ihrem Geschlecht identifizieren.

Demgegenüber, im postpositivistischen Ansatz, zum Beispiel vertreten durch Butler und Sylvester, wird die Kategorie Frau diskursiv aufgelöst und die politisch-soziale Konstruktion von Frauen und Männern in den Mittelpunkt gerückt. Aus dieser Perspektive sind die Kategorien >Frau< und >Mann< Teil einer Verknüpfung von Sprache, Wissen und Macht, durch die verhältnismäßig kleine biologische Differenzen zu einem Hauptkriterium sozialer Beziehungen werden. Die Weigerung, die Kategorie >Frau< als natürlich vorausgegeben anzuerkennen, wird aber insofern problematisch, weil sie das Subjekt des Feminismus suspendiert. Zalewski nennt das „das Problem der verschwindenden Frau“, Benhabib sieht darin die Gefahr eines anything goes. Ebenso wird der Vorwurf erhoben, mit der Fokussierung auf Identitätspolitik würde das neoliberale Geschlechterregime stabilisiert werden. Nicht zuletzt hat Fraser schon vor langem darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Begriff Gender, ebenso wie bei dem Begriff Rasse um eine grundsätzlich dilemmatische Differenzierungsnorm handelt, die zweiwertig ist: Beide sind sowohl in eine Umverteilungs- als auch in eine Anerkennungspolitik verstrickt. Sie müssen also ihre Besonderheit zum einen betonen, gleichzeitig aber verleugnen und landen in einem Umverteilungs-Anerkennungsdilemma. 

Der essentialistische Streit soll nicht weiter ausgeführt werden, er war zwar lange Zeit prägend für die Debatte, trotzdem gibt es auch zahlreiche Autorinnen, die eine derartige Gegenüberstellung kritisieren und auf eine Gleichzeitigkeit der Ansätze hinweisen. Es ergeben sich aber zumindest einige theoretische Baustellen aus dieser Konstellation: zum Beispiel versucht Sylvester mit der Methode der einfühlenden Kooperation, moderne Gedankenraster diskursanalytisch in Frage zu stellen und gleichzeitig weibliche Subjektivität mit einzubeziehen. Allerdings greift hier die Kritik, dass Sylvester letzten Endes dann doch wieder moderne Konzeptionen beansprucht und nur vordergründig postmodern argumentiert. Andere feministische Autorinnen favorisieren einen Blickwechsel, weg von der Fokussierung der Weiblichkeit und hin zu einer Analyse von Männlichkeit. Die Dekonstruktion von Männlichkeit kann als neuer Ausgangspunkt für die Analyse betrachtet werden, nachdem verschiedene Autorinnen herausgearbeitet haben, dass die internationalen Beziehungen auf männlichem Handeln, männlicher Subjektivität und bestimmten Konstruktionen von Männlichkeit basieren. Für die meisten Autorinnen ergibt sich insgesamt ein analytischer und perspektivischer Handlungsimperativ: die Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen soll weitergeführt werden, genderspezifische Aspekte müssen sichtbar gemacht werden und ständig thematisiert werden. Durch quantitative und substanzielle Repräsentation von Frauen in Außen- und Sicherheitspolitik soll die Ausarbeitung positiver Friedensentwürfe vorangetrieben werden. Gender-mainstreaming und gender-controlling wären diesbezügliche Instrumente. Aber man sieht hier deutlich wieder die Zuschreibungsproblematik am Horizont. Und der Erfolg des Gender Mainstreaming steht allerdings zur Debatte. Auch als Top-Down-Strategie zur Einbeziehung der Geschlechterperspektive ist das Mainstreaming nicht bindend und unterschlägt zudem die Verschränkung mit ökonomischen, rassistischen und gesellschaftlichen Unterdrückungsverhältnissen in der neoliberalen Hegemonie. Es erinnert etwas an das Global-Governance-Konzept der CGG, das ein bisschen naiv, gut gemeint und ohne greifende Analyse daherkommt und von allen Seiten bejubelt wird. Der viel beschworene Trickle-Down-Effekt ist aber in erster Linie eine Abfederung der Verelendungsdynamik um die Verhältnisse weiter zu stabilisieren. Das muss zumindest bedacht werden, auch wenn sich aus dieser Feststellung noch keine schlüssige Konsequenz herleiten lässt. 

Spätestens hier stellt sich die Frage, wie feministische Ansätze weiter verfahren können. Es lässt sich feststellen, dass die feministische Debatte zum einen wichtige Perspektiverweiterungen erwirken konnte: sie hat die der politischen Theorie zugrunde liegenden Codierungen von Männlichkeit und Weiblichkeit aufgedeckt, den Zusammenhang von Geschlechterregimen und Gewaltformen herausgearbeitet. Darüber hinaus spieltgender“ als Konzept in der Auseinandersetzung mit politischer Theorie eine Rolle.Wir stoßen jedoch schon ganz zu Beginn der theoretischen Debatte auf ein ganz grundlegendes Problem: Feministische Ansätze dürfen nicht korrektiven Charakter im Sinne einer Erweiterung um Genderfragen aufweisen, da sie es nicht sind. Ein nicht lustiger Witz ist bloß, dass sich das auch viele feministische Ansätze noch mal ins Gedächtnis rufen müssen, und zwar in umgekehrter Richtung. Oftmals fehlt die Einbeziehung von zum Beispiel antirassistischen Impulsen oder der Frage nach den innergeschlechtlichen Machtverhältnissen. Es muss dem Rechnung getragen werden, dass Unterdrückung und Ausbeutung ein komplexes Netz unterschiedlicher Herrschaftsverhältnisse bedeuten, die in sich hierarchisch sind, sich gegenseitig durchdringen und wechselseitig und in widersprüchlicher Weise quer durch die Individuen verlaufen. Die Analyse von Ann Tickner und auch die Ausführungen von Enloe in Bananas, Beaches and Bases, oder Cilja Harders begriffliche Auseinandersetzung mit Frieden, Krieg, Konflikt, versuchen diese Komplexität zu berücksichtigen. Man kann sich nicht damit begnügen Einsichten in Lebenslagen unterdrückter Frauen zu sammeln, wenn die Unterdrückungsverhältnisse selbst von analytischer Bedeutung sind und somit müsste die Einbeziehung der Geschlechterverhältnisse eigentlich immer zentrales Element jeglicher politischer Theorie sein. Ich lande damit bei Eva Kreisky: Die politische, soziale, ökonomische und kulturelle Trennungslinie entlang der Geschlechter nicht miteinzubeziehen, bedeutet „für jegliches politisches Theoretisieren defizitär zu bleiben.“ Das gilt für beide Seiten. Feminismus ist somit nicht als Supertheorie zu verstehen, sondern es geht darum Gesellschaftsverhältnisse als Strukturmerkmale in die Analyse des Politischen miteinzubeziehen und diese Anforderungen richten sich auch auf die feministischen Ansätze selbst. Die Kritik am weißen Feminismus, rassistische Unterdrückungsstrukturen nicht zu berücksichtigen hat die feministische Wissenschaft ja vollkommen zu recht tief getroffen. Der Hinweis auf innergeschlechtliche Differenzen ist unbedingt zu berücksichtigen, auch wenn befürchtet wird, dass feministische Handlungsfähigkeit untergraben werden kann.

Ich möchte meinen Vortrag hier mit einem ganz entscheidenden Hinweis von Birgit Sauer beschließen. Die Rede ist an diesem Punkt von der Krise des Feminismus und der umgreifenden Ratlosigkeit in Angesicht der Komplexität und Durchdringung. In den „Feministischen Standpunkten in der Politikwissenschaft“ betont Sauer, dass eine politische Theorie, wenn sie denn integer sein soll, auch eine Vorläufigkeit ertragen können muss. Sauer fordert eine Scheu vor simplifizierenden Instrumenten und plädiert für Ambiguitätstoleranz. Es ist schlichtweg nicht möglich, besser gesagt zumindest nicht sinnvoll, sich entscheiden zu wollen. Wir kommen hier übrigens, das nur am Rand, in die Nähe einer Diskussion, die vor einiger Zeit in Teilen der Linken geführt wurde. Eine politische Handlungsmaxime lässt sich nicht aus einem Standpunkt ableiten, sondern muss immer an die Debatte rückgebunden werden. Auch wenn Politik Handlungsfähigkeit braucht und Anknüpfungspunkte suchen muss, ohne ein radikales, utopisches Politikverständnis, das einen tiefgreifenden Wandel anvisiert, ist emanzipative Politik automatisch zum Scheitern verurteilt. Die feministische Politikwissenschaft muss sich also darauf konzentrieren, die patriarchale Ausrichtung ihrer Disziplin konstruktiv zu provozieren sowie Gegenstrategien zu entwickeln, die auf eine Abschaffung des Drucks der Selbstökonomisierung, der ökologischen und sozialen Ausbeutung und deren Ausblendung zielen.

One Comment

  1. […] sehr interessanten, wenn auch leider sehr knappen Gespräch mit Nancy Fraser (auch hier) in der RLS-Zeitschrift Luxemburg, resümiert […]

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