schwarzrotkotz

Der Bezug auf die Nation ist bei einer Fussballeuropameisterschaft quasi vorgegeben. Und somit auch der Bezug auf die schwarz-rot-goldene Fahne. Infantil sitzen die Scharen in Trikots vor ihren Riesenglotzen, der Cowboyhut beim Western-Gucken, Peng-Peng – die schwarzrotkotzfarbenen Gestalten, die vom Spiel gar keine Ahnung haben, Ole-Ole (oder schlimmer noch: davon Ahnung haben und das Konditionstheater für etwas Entscheidendes halten).

In diese Richtung wäre die Umkodierung der nationalen Symbolik gerade noch begrüßenswert: nicht der stramme Fascho hält pathetisch die Nationalfarben hoch bis der Armmuskel krampft (abgesehen davon, dass der auch lieber schwarz-weiß-rote Fahnen hochhält) – es sind die eventgeilen Spießer, die „Fans“, die dabei sein wollen, wobei auch immer. Den Rest besorgt die profitorientierte Schwarzrotgold-Einpinselung von Süßigkeiten, Zahnbürsten, Aschenbechern, Etiketts, Tankstellen, Bikinis, Autospiegeln, Kleiderbügeln, usw. Eine Profanisierung, mit der übrigens auch die Nationalsozialisten zu kämpfen hatten: die fanden es gar nicht lustig, dass irgendwann auf jeder verdammten Streichholzschachtel das ehrenwerte Hakenkreuz prangte. Der Fascho von heute dürfte dem auch nichts abgewinnen können. Letztlich geht aber diese Umcodierung der Farben gleichzeitig mit ihrer Aufwertung einher, und nun wird sie zum Problem.

Der fahnenschwenkende Fussballmob ist keine Faschomeute. Natürlich nicht. Es handelt sich lediglich um eine Menge unreflektierter Volltrottel in gefährlichem Fahrwasser, die im kollektiven Narzissmus die Ab- und Ausgrenzung Anderer einüben. Noch nicht mehr, aber auch nicht weniger, denn die Bezugnahme auf die Nation ist, auch wenn das keinen „Fussballfan“ interessieren wird, per se antiemanzipatorisch (und falls das jmd. nicht wissen sollte: im Gegensatz zu schwul ist das ein Schimpfwort).

Zum unmissverständlichen und unverständlichen Auftrags des Soziologen Michael Mann gehörte die unabdingbare Verteidigung des Nationalstaats. Er brachte die nationalstaatliche Konstitution gegen die „Globalisierung“ in Stellung und kam zu dem Schluss, dass der Nationalstaat eine anerkennenswerte Form der Organisation sei. So beeindruckend seine Federführung auch ist, diese Form der Organisation ist nur aus Sicht der IBez lobenswert. Er unterschlägt einen elementaren Bestandteil der Betrachtung, der für das Individuum eine Rolle spielt: das vorliegende Interesse des Staates ist, seine Staatsgewalt zu sichern. Ergo: Dem Individuum letztendlich Gewalt anzutun, damit es sich seinen Interessen unterordnet. Die Gesetze sind auf die Ordnung des Profit ausgerichtet. Denn die Interessen des Staates liegen in der gewaltsamen Durchsetzung der Logik des postdemokratischen Kapitalismus. Es kann also nur ein Zeugnis von Geistesabwesenheit sein, sich mit seiner Nation zu identifizieren.

Abkoppeln kann man die „Fussballbegeisterung“ auch keineswegs von den nationalchauvinistischen Vorstößen des Boulevard oder etwa den üblen Auslegungen eines heute-journal, der privat-, partei- und wirtschaftsinitiierten Du-bist-Deutschland-Propaganda, dem wohl finanzierten reaktionären Backlash und der von der stupiden Bevölkerung beklatschten Abart öffentlicher Personen, im Wir-sind-wieder-wer-Jargon diejenigen zu bespucken, auf deren Kosten man sich den BMW waschen lässt. Und exakt an dieser Stelle liegt der Schäferhund begraben: Fussball als Vehikel für die Salonfähigkeit deutscher Großmannssucht hat weit aus mehr mit Sarrazin als mit Özil zu tun. Die Harmlosigkeit des nationalen Freudentaumels mit Schlagseite nach rechts lässt sich in den täglichen rassistischen und letztlich von der Breite getragenenen Übergriffen gut studieren. Es ist noch gar nicht so lange her, da war Common Sense (zumindest des Bildungsbürgertums) die Abscheu vor dieser Art nationaler Idiotie. Zeiten, in denen sich niemand mit einem Funken Coolness nicht sofort die kleine Deutschlandflagge vom Ärmel des Parkas abgetrennt hätte. In denen die Behauptung, man sei stolz auf sein Land, weil Blablabla… rigoroses Unverständnis und adäquate nonverbale Reaktionen evozierte. Wie die Zeiten sich ändern.

Die angesprochene Farbkombination unterliegt keiner ästhetischen Fragestellung (auch wenn es eine ästhetische Dimension hat, dass man es nicht mehr sehen kann) und der Fussballbezug ist kaum sportlich zu verstehen. Insbesondere als Fussball-Interessierter kann man sich nur freuen, dass dieses Grauen bald ein Ende hat. Was das Politische betrifft: Es bleibt, wie es ist: Deutschland muss sterben, damit wir leben können. Die ganzen Fans könnten solange bitte schnellstmöglich Attwengers Rat folgen:

diese gonzn Patriotn, nationale Idiotn,
bitte sads so guat und stöllts eich in am Schwimmbod aufn Bodn,
und pinkelts bis zum Hois eich olle gegenseitig on,
und dann tauchts nu amoi unta, und dann nehmts an schluck davon,
und spuckts eich on damit solang bis das eich schlecht is von der Kacke,
und wählen Sie die Nummer neben ihrer Landesflagge.

 

(Attwenger, Klakariada, 2002)

 

 

One Comment

  1. leowald sagt:

    „Schwarz, rot, gold. Hat das die Natur wirklich so gewollt?“ fragt ja auch Andreas Dorau zu recht. Mit was sollen sich dann aber Anhänger der Nationalmannschaft schmücken? Oder soll Nationalmannschaft ganz weg? Oder Fussball? Bundesliga find ich nämlich auch ganz blöd und dass die immer so rumbrüllen müssen auf Wiesen und Schulhöfen, als wären es Appellplätze. Und liegt die Ursache des Übels möglicherweise überhaupt im Mann(!)schaftSS(!)port?
    Ach, da bin ich jetzt vom Thema abgerutscht. Eigentlich war meine Frage ja die nach alternativem Fanschmuck.

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