SO36-Buch in der heißen Phase

Es ist nun bestimmt schon vier Jahre her, dass mich Lilo Unger vom SO36 im Sofia mit der Idee konfrontierte, ein Buch über den Club zu machen. Zahlreiche Legenden ranken sich um den alten Punk-Schuppen und es schien überfällig, die über dreißigjährige Geschichte zusammenzutragen und aufzuschreiben. Wir bildeten eine Buchgruppe mit Nanette Fleig, Lith Bahlmann und Erik Textflex. Später kam George Lindt (lieblingslied-records) dazu. Es war verdammt hart, sich durch die Fantastilliarden an Anekdoten, Narrativen, Informationen, Akteuren und Begebenheiten zu kämpfen. Nun befinden wir uns endlich in der heißen Phase – die letzten Texte und Bilder trudeln ein und in Kürze übergeben wir das Paket der Formdusche. Publikation im November 2015. Februar 2016.

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Die Schraube

Eine winzige Schraube fiel Johannes Knirsch am frühen Morgen des 28. Februar aus der Nase, direkt auf sein mit Butter bestrichenes Frühstücksbrötchen. Er saß zunächst regungslos am Küchentisch und starrte die Schraube verständnislos an, als rechnete er damit, dass sie im nächsten Moment losfliegen würde. Die silbern glänzende Kreuzschlitzschraube maß höchstens zwei Millimeter und zeigte ein fein geschliffenes, kaum erkennbares Gewinde. Sie rührte sich nicht. Sie lag lasziv auf ihrem Bett aus Butter und funkelte im Licht der Morgensonne, als hätte nicht er sie, sondern sie dort etwas verloren, als wäre das in irgendeiner Ordnung. Die farbstoffrote Himbeermarmelade oder Erdbeerkonfitüre rutschte vom Messer und tropfte auf das gelbe Tischtuch. Hans beschlich ein ernstes Gefühl der Sorge. Er betastete seine Nase, zog etwas an ihr. Er drückte auf die Nasenspitze, fuhr mit dem Finger das Nasenbein entlang und kontrollierte die Nasenflügel. An der Nase selbst schien nichts ungewöhnlich zu sein.

ruegen

Episodischer Roman im Auftrag der Santacruz International Communication. Illustrationen von Felix Pestemer. Zweisprachige Publikation als Print- und Audioversion, erscheint anlässlich des Deutschland-Mexiko-Jahres 2016.

 

 

 

 

 

Postromantizismus
‚Kreidefelsen auf Rügen (Fälschung)‘
Bleistift und Tusche auf Papier, 34 x 25 cm,
F. Pestemer

hasta la victoria siempre

Der vollbärtige Mann trägt Stiefel, einen alten Parka und eine olivgrüne Schiebermütze mit rotem Stern.

Ach, nein.

Im Vorbeigehen sehe ich, dass das ein rotes Marc-o-Polo-Abzeichen auf der Mütze ist.

Huch, der Parka ist ein nagelneuer Popeline-Mantel.

Sorry, Mann!

 

 

weihnachtsmarktbudeweihnachtsmarkterinnerung bln, jan2014

Mozart vs. Beethoven

Mozarts Requiem, seine letzte und von Eybler und Süßmayr vervollständigte Komposition, ist in der Lage einem zuerst die knallengen Stiefel aus- und dann den Boden unter den Füßen (dort meist, wo sonst) zu ent-ziehen, eine Piloarrektion über den Schauer des Rückens zu jagen und der Relevanz des alltäglichen B-findens seine gerechte Stelle zu weisen. „Seufzend steh ich schuldbefangen“ bei diesen Klängen nicht nur vor dem Abwasch. Dann enerviert das Kyrie Eleison als beglückende Strapaze, kurz durchflutet Part soundso (keine Ahnung wie der jetzt hieß) den Raum und entreißt ihm einfach die Zeit! [Entreißt dem Raum die Zeit FÜR IMMER würde man sagen, wenn das denn Sinn machen könnte] Man kommt auf die Idee, Mozart könne vielleicht doch ähnlich genial gewesen sein wie Freddy Mercury.

Wogegen Beethoven (zB: Klavierkonzert in C-Dur, op. 15 ) abwechselnd peinlich pompöse, effektheischende Arrangements und seichte, kleinbürgerliche Langeweile entwirft, man denkt an den Bürgermeister von Benjamin Blümchen oder: Passt echt zu den Toten Hosen, das blöde Geklimper aus Bonn.

(Behauptet jemand, man könne ja nun ein solches Requiem und dies frühe Klavierkonzert ÜBERHAUPT nicht miteinander vergleichen – natürlich kann man, man kann alles miteinander vergleichen, man muss es nur tun, man kann sogar Äpfel und Birnen miteinander vergleichen und wird feststellen: die Zusammensetzung ist fast identisch, der Auftritt ein ganz anderer. Bei Mozart und Beethoven: Die Noten dieselben, nur anders angeordnet. Mozart hatte Beethoven angeblich wegen Don Giovanni nicht empfangen, aber viel wahrscheinlicher ist doch, dass der Wolfgang keinen Bock auf eisgekühlten Bommerlunder hatte.)

escalation

rolltreppe.

dk

dk (2)

Kritik des „irgendwie“

Dieser Herr sagte ständig „irgendwie“. Irgendwann sagte er, er sei dann „irgendwie“ vom Weg abgekommen. Ja, wie denn? Geirrt? Oder gestolpert? Wie er durch seine eigenen Sätze stolpert?

Sein Wort „irgendwie“ sagt nicht, der Umstand sei irrelevant. Es sagt, was er sagt sei in Gänze irrelevant. „Irgendwie“ erfüllt die Funktion Unbestimmtheit auszudrücken. Wer, wie der Herr, denn so einer war er, das erkannte ich an seinem Hut, nicht vom Inhalt seiner Rede überzeugt ist, benutzt dieses Wort. Aber auch, wer vom Inhalt seiner Rede überzeugt ist und nicht in der Lage, diesen Inhalt sprachlich treffend abzubilden. Mit der Eingebung des Irgendwie-Sagenden, dass der Inhalt seiner Rede nicht wirklich wert ist gesprochen zu werden, liegt der Betreffende meist vollkommen richtig. Wie schon selbst Nena feststellte, sind diese Menschen verloren in Raum und Zeit. Vom Weg abgekommen. Ihr Irrtum ist es, es doch zu versuchen, trotz ihrer Erkenntnis das Wort zu ergreifen. Das bedeutet nichts anderes, als dass man immer wenn man „irgendwie“ vernimmt, seinem Gegenüber mitteilen sollte, dass er bitte die Klappe halten soll, da er nichts zu sagen hat oder nicht in der Lage dazu ist. Das tat ich.

Ich erinnere mich noch gut an „iwie“. Dieses Portal „GuteFrage.net“ hatte mich dermaßen beeindruckt. Ein m(-Forum, welches auf den naiven Glauben rekurriert, dass das Internet alle Fragen beantworten kann oder sollte. Vermutlich viele Schüler dort, einsame Hausfrauen, was ungefähr das Gleiche ist. Hauptsache sie beherrschen ihre Kenntnisse in Syntax und Orthografie derart, dass man sich fragt, ob sie wenigstens sprechen können. Und es gibt so bezaubernde Fragen in so umwerfender Zusammenstellung:

Sind die nike airmax 90 cmft premium tap White / White mint Candy herren oder Damen schuhe ?

Wieso hasse ich meine Freundin ?

Wie in diversen Foren oder Chats wird auch dort an sich gern ein knapper, fast stenographischer Stil bemüht, aus Faulheit oder um Zeit zu sparen. Unnötige Füllwörter fallen weg, Sätze werden auf das Notwendige reduziert. Da gibt es Unmengen an nachvollziehbaren Abkürzungen in diesen Zirkeln, wie zum Beispiel asap oder OMG. Doch das „iwie“ war mir bisher fremd. Anstatt sich endlich des Adverbs zu entledigen wird es abgekürzt. Der Zusammenhang liegt auf der Hand: „iwie“ ist quasi das zentrale Wort im Netzjargon, da es im digitalen Zusammentreffen in erster Linie darum geht unhaltbare, behauptete, redundante und ungelenke Statements zu äußern. Es geht darum, Fragen zu stellen, deren Antworten verhallen, Meinungen zu meinen, die man eventuell nur vielleicht und irgendwie meint oder zumindest nur mal kurz und Antworten zu geben wie:

wer es unbedingt haben muss, kann das ja zu hause im garten machen, aber mir grauldet schon vor dem sommer, die ganzen ekligen nakischen füß in den sandalen und schlappen (brrrrrrrrr)

Um das deutlich zu formulieren: Es geht hier keineswegs um ein sprachliches Problem. Sprachhygieniker sind Menschen, die etwas beschützen wollen was sie nicht im Ansatz verstanden haben. Es handelt sich bei „irgendwie“ um ein inhaltliches Problem, da das kleine Wort eine Art und Weise angibt, die nicht bekannt ist und angeblich keine Rolle spielt. Dabei ist äußerst selten der Art und der Weise eine Rolle abzusprechen. Niemand würde es wagen „irgendwarum“ zu sagen und so dem Grund und der Ursache eine Rolle absprechen. Es gibt berechtigte „irgendwies“, wenn beispielsweise jmd sagt: Stopf dir einfach irgendwie die Ohren zu, damit du mein Gelaber nicht mehr hören musst. In einem solchen Fall wäre die Art und Weise tatsächlich vollkommen egal, ob Tampons oder Kerzenwachs, Hauptsache es ist still. Doch das sind die Tampons, die die Regel bestätigen. Bei den meisten Angelegenheiten wäre es nur irgendso eine Rezeption, wenn die Art und Weise nicht bekannt.

Der Herr jedenfalls nahm seinen Hut. Ich hatte ihn […] beleidigt.